Die Affären um die Neue Heimat belasten die Gewerkschaften nicht nur moralisch und politisch, sondern auch finanziell. Verträgt sich die Politik des Konzernherrn und Arbeitgebers überhaupt mit der Aufgabe von Arbeitnehmerorganisationen?

Niemand wird im Ernst bestreiten wollen, daß Gewerkschaften Geld brauchen. Schließlich gehört es zu ihren ureigensten Aufgaben, ihre Mitglieder zu betreuen, sie vor Willkürmaßnahmen ihrer Arbeitgeber zu schützen, ihnen Hilfe bei Rechtsstreitigkeiten im Berufsalltag zu bieten, sie notfalls sogar in Zeiten des Arbeitskampfes finanziell zu unterstützen, und was es sonst noch alles an gewerkschaftlichen Leistungen gibt.

Für all dies ist nicht nur ein Apparat nötig, der ununterbrochen laufen muß und entsprechender Mittel bedarf. Dazu gehören auch Rücklagen und zwar ganz beträchtliche. Ganz gewiß reicht es nicht, für Notfalle ein paar Sparbücher anzulegen oder Gelder in die relativ sicheren Bundesanleihen zu stecken. Sollten Gewerkschaften aber so weit gehen, ihr Kapital in eigene Unternehmen zu stecken?

Diese Form der Anlage ist gelegentlich ausgesprochen risikoreich. Der Fall der Neuen Heimat macht dies seit einigen Monaten besonders deutlich, doch auch in der Vergangenheit haben sich die Gewerkschaften so manches Mal als Sanierer ihrer Unternehmen betätigen müssen. Solche Rettungsaktionen kosten nicht nur das Geld der Mitglieder, das den Organisationen schließlich in gutem Glauben zu treuen Händen anvertraut wird. Es schmälert auch den Aktionsrahmen der Interessenvertretung.

Nicht umsonst weigert sich derzeit beispielsweise die IG Druck und Papier, deren Finanzkraft durch kostspielige Arbeitskämpfe geschwächt ist, entsprechend ihrer Beteiligung an der Neuen Heimat Städtebau für die Verluste aufzukommen. Aber auch andere Gewerkschaften wollen sich die Vollmacht für die geforderten Millionenbeträge erst einmal von ihren Gremien, bis hin zu den Delegierten ihres Kongresses, geben lassen, bevor sie sich in neuerliche Finanzabenteuer stürzen.

Die Rolle des Konzernherren aber wirft auch noch viel grundsätzlichere Probleme für Gewerkschafter auf. Als Unternehmer müssen sie sich nun einmal auch im Rahmen des kapitalistischen Systems bewegen. Und selbst wenn es im Arbeitgeberverhalten – auch bei Managern kapitalistischer Couleur – durchaus Unterschiede gibt, in schwierigen Situationen wird der Konflikt zwischen der Position des Gewerkschafters und der des Unternehmers besonders deutlich. Ernst Breit, DGB-Vorsitzender und Aufsichtsratschef der Neuen Heimat, hat dies bei einer Betriebsversammlung des Wohnungsbaukonzerns erst vor kurzem am eigenen Leibe erfahren müssen.

Die Mitarbeiter, erbittert und enttäuscht, sahen in seinem Versuch, ihnen die notwendigen Sanierungsmaßnahmen nahezubringen, nichts anderes als die aus ihrer Sicht schier unerträgliche Position des Arbeitgebers. In der Tat: Entlassungen, persönliche Härten durch Umsetzungen einzelner Mitarbeiter, wie sie im Bereich der Neuen Heimat womöglich entstehen, sind nun einmal üblicherweise Probleme, die Gewerkschafter bekämpfen und verurteilen.

Allerdings, das Rad der Geschichte läßt sich nicht zurückdrehen. Die Gewerkschaften besitzen seit Jahrzehnten Unternehmen wie die Neue Heimat, die Volksfürsorge und die Bank für Gemeinwirtschaft, um nur die wichtigsten zu nennen. Dennoch muß ihnen ihre jetzige Misere zu denken geben. Ihre politische Glaubwürdigkeit und Durchsetzungskraft in Konflikten mit "reinrassigen" Arbeitgebern könnte durch diese Zwitterstellung untergraben werden. Und dies wäre sicher ein allzu hoher Preis. Erika Martens