Von Günter Grass

So werden die zentralamerikanischen Staaten insgesamt genannt: der Hinterhof der Vereinigten Staaten von Amerika; deshalb gilt die mexikanische Umschreibung der Abhängigkeit "Mein armes Mexiko, wie weit entfernt bist du von Gott – und, auch, wie nah den USA!" auch für die fünf kleinen "Bananenrepubliken", zu denen, nördlich an Honduras, südlich an Costa Rica grenzend, Nicaragua gehört. Dorthin reisten wir mit ungenauen Vorstellungen: Franz Alt, Johano Strasser und ich. Mit uns waren Ute Grass, der Verleger Hermann Schulz und Dora Weidhaas als Übersetzerin unterwegs. Der Minister für Kultur – Poet und katholischer Priester zugleich –, Ernesto Cardenal, und das Mitglied der Regierungsjunta für den Nationalen Wiederaufbau, Sergio Ramirez – und auch er ist Schriftsteller –, hatten uns eingeladen. Nach acht Tagen Aufenthalt kehrten wir zurück. Wohl jeder spürbar verändert. Mich hat diese Reise in Frage gestellt.

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Was wußte ich vorher: Angelesenes. Meine Sympathie für die Revolution der Sandinisten sprach sich vorsichtig, weil durch Skepsis gefiltert, aus: Das kann doch nicht gutgehn. Wie sollen denn fünfundzwanzigjährige Kommandanten, die bis vor drei Jahren hauptsächlich Guerilleros waren, das schwierige Friedensgeschäft, die Wirtschafts- und Finanzpolitik erlernt haben? Wann wird auch diese Revolution anfangen, wie die Geschichte es lehrt, ihre Kinder zu fressen? Und überhaupt lag mir Polen näher.

Ich ahnte nicht, wie (ungewollt) verwandt die polnische Gewerkschaftsbewegung "Solidarność" den Sandinisten Nicaraguas ist und daß sich die ständige und bedrohliche Abhängigkeit Polens von der Sowjetunion in der anhaltenden und schon wieder bedrohlichen Abhängigkeit Mittelamerikas, insbesondere Nicaraguas, von den USA spiegelt, Sogar die jeweilige Befangenheit der Sandinisten dort, der Solidarność-Anhänger hier, belegt – trotz der geographischen Ferne – diese Annäherung unter negativen Vorzeichen: Sie wissen nichts oder nur Falsches voneinander. Die die Sandinisten bedrohende Macht will sich als Beschützer der Solidarnosc-Bewegung verstanden wissen – und wird auch in Polen von nicht wenigen unwissend so mißverstanden –, und jene an Polens Ostgrenze immer einmarschbereite Macht begreift sich als Schutzherr aller Freiheitsbewegungen in der Dritten Welt – und wird auch in Nicaragua von nicht wenigen unwissend so mißverstanden. Dort werden die Falschmeldungen der Nachrichtenagentur TASS nachgedruckt: "Solidarnosc" ist eine konterrevolutionäre Bewegung; hier glaubt man der "Stimme Amerikas": Nicaragua wird demnächst fest in kubanisch-sowjetischer Hand sein.

Die Unterdrückten, Bedrohten und Abhängigen sehen jeweils nur die ihnen übergeordnete Vormacht als sie gefährdend an: aus zu kurzer Distanz, aus zu bedrohlich nachbarschaftlicher Nähe. Auch aus geschichtlicher Erfahrung: Interventionen dort, Teilungen hier sind Daten der jeweiligen Landesgeschichte. So entspricht auch der in Polen latente "Russenhaß" dem in Nicaragua spürbaren Haß auf die "Yankees".

Haß verengt den Blick. Und wo der Haß dank der regierungsamtlichen Anmaßungen beider Großmächte täglich frische Nahrung bekommt, wird bald alles, auch der gelegentliche Versuch, Macht maßvoller ausüben zu wollen, über den Leisten "US-Imperialismus" oder "Sowjetherrschaft" geschlagen. Doch verständlich ist er schon, dieser doppelte Haß.