Der Verkehrs- und Fußballrichter Hans Kindermann ist heftig gescholten worden dafür, daß er die Ansicht vertritt, man solle es dem einzelnen Autofahrer überlassen, ob er sich anschnallt oder nicht.

Daß Gurte mehr Leben retten als Leben zerstören, ist in vielen Experimenten nachgewiesen worden. Daß in den meisten unserer Nachbarländer das Anschnallen zur Pflicht gemacht worden ist, mag als zusätzliches Argument gelten. Und dennoch hat Kindermann recht: Man muß auch die Nachteile der Anschnallpflicht sehen.

Kindermann argumentiert, wie es seines Berufes ist, von der Moral des Rechts her: Ein Gesetz, das für den einzelnen tödliche Folgen haben kann, ist unmoralisch. Aus meinen Erfahrungen drängen sich völkerpsychologische Beobachtungen auf.

Wir Deutschen neigen, besonders als Autofahrer, dazu, recht haben zu wollen. Da mögen Kinder auf einer Straße spielen, aber wir fahren Tempo 50, weil das ja angeblich erlaubt ist. Wir wechseln dauernd die Fahrbahn, um einen winzigen Vorsprung zu erhaschen, worauf wir ein Recht zu haben meinen. Und wenn wir nun angeschnallt in unseren Schalensitzen hocken, dann fühlen wir uns gesetzestreu und sicher wie der Fahrer eines Panzerwagens. "Dann kann einem doch nichts passieren", sagte mir allen Ernstes einer, der es gut mit mir meinte.

Da ist es vielleicht doch ganz nützlich, einmal darauf hinzuweisen, daß Anschnallgurte am zuverlässigsten bei Unfällen beifen, die selbstverschuldet sind. Lassen wir den Frontalzusammenstoß tollkühner Überholer beiseite – wo sich die Geschwindigkeiten zu mehr als hundert Stundenkilometern addieren, hilft nur noch beten. Beim häufigsten, dem Auffahr-Unfall, hilft der Gurt demjenigen, der auffährt, also in der Regel Schuld hat. Dem anderen, der da von hinten angefahren wird, kann ein Gurt nur helfen, nachdem der Stoß erst einmal von einer ganz genau richtig angebrachten Kopfstütze abgefangen worden ist. Bleibt als vierte der geläufigsten Unfallarten in diesem stark vereinfachten, aber dennoch nichts verfälschenden System, daß uns einer, der die Vorfahrt nicht beachtet, von der Seite reinknallt; da hilft es, wie Physik und Erfahrung lehren, wenig oder nichts, angeschnallt zu sein.

Ich bin, nach Abwägen von Vorteilen und Nachteilen, dafür, daß Autofahrer sich anschnallen – vor allem Beifahrer, die ja in jedem Falle unschuldige Opfer sind. Aber auch aus einer ganz anderen Sicht teile ich – nach zwei Millionen in vielen Ländern dieser Welt gefahrenen Kilometern – Hans Kindermanns Bedenken: Das Gefühl, angeschnallt zu sein und damit dem Gesetz Genüge getan zu haben, stärkt bei manchen Autofahrern das Gefühl, recht zu haben und unverwundbar zu sein. Und ich fürchte, dieses Gefühl ist in der Bundesrepublik Deutschland weiter verbreitet als in anderen Ländern. Unverwundbare Rechthaber sind jedoch meistens miserable Verkehrsteilnehmer. Rudolf Walter Leonhardt