Die schlechte Wirtschaftslage überschattet den Wahlkampf – Verluste für Reagans Partei?

Von Michael Naumann

Washington, im September

Amerika wählt am 2. November seinen 98. Kongreß: Experten rechnen mit einer Wahlbeteiligung von nur 35 Prozent, und die Republikanische Partei des Präsidenten befürchtet allenthalben arge Verluste. Hinter der höchsten Arbeitslosigkeitsrate seit Jahrzehnten (9,8 Prozent), hinter der anhaltenden Rezession und dem vordergründigen Regierungsfrohsinn (Reagan: "Ich weiß, wohin wir gehen – vorwärts!") zeichnet sich der Beginn einer politischen Schwermutsphase ab. Es ist, als schaue die Nation mutlos in den konservativ gerahmten Spiegel des Reaganismus, ohne sich wiederzuerkennen, als habe das Alter des Präsidenten – 71 Jahre sind es – das einst so jugendlich-optimistische Volk eingeholt. Die Nation ist skeptisch.

Zur Abstimmung stehen tausend Kandidaten für alle 435 Sitze im konstitutionell mächtigen Repräsentantenhaus; umkämpft sind weiter 33 Senatsmandate, 36 Gouverneurspositionen und ungezählte kommunale Ämter vom Sheriff bis zum Bürgermeister.

Allenthalben lächeln optimistische Porträts sonnengebräunter Senats-Aspiranten von haushohen Plakattafeln ins weite Land. Volksnah, patriotisch und markant gerieten sich Kongreßkandidaten in lokalen Werbe-Spots zwischen Bier-, Auto- und Seifenreklame. Ein Platz im amerikanischen "Oberhaus" kostet heute zwei Millionen Dollar und mehr. Junge Politiker aus reichen Fabrikantenfamilien wie Senator John C. Danforth (Purina Viehfutter) oder sein Kollege John Heinz (Ketchup) halten ihren Sitz auch dank ihrer beträchtlichen Finanzmittel. Und ohne den Wahlkampf-Fonds des Kennedy-Clans gebe es keinen lebenden Mythos gleichen Namens. Sein Sieg in Massachusetts steht jetzt schon fest; neuere TV-Reklamesendungen gelten bereits dem Präsidentschaftskampf Ted Kennedys. Sie zeigen einen besorgten Familienvater, denn er lebt getrennt von seiner Frau ...

Wie in anderen westlichen Demokratien wandelt sich Amerikas politische Öffentlichkeit zum teuren, permanenten Propaganda-Prozeß. Computerisierte Public-Relations-Kampagnen, kraft käuflicher demoskopischer Datenkonten perfektioniert, bescheren heute Zielgruppen jeglicher Art einen endlosen, politischen Wurfsendungsschwall. Gesellschaftliche Lebenshoffnung, rückwärtsgewandte Vorurteile, populistische Slogans, Zukunftsängste, tüchtige Kandidaten, Patriotismus – alles wird "verkauft" im Supermarkt der Gefühle. Das zeitgemäße Zauberwort regionaler politischer Existenz in Amerika heißt zwar immer noch "Partizipation" (wie die Gründungsväter es erhofften); doch auf nationaler Ebene folgt Politik bereits den Geschäftsgesetzen von "Marketing" (laut Duden die "Ausrichtung der Teilbereiche einer Unternehmung auf das absatzpolitische Ziel und auf die Verbesserung der Absatzmöglichkeiten").