Von Karl-Heinz Wocker

London, Ende September

Ihrer Majestät Regierung hat einen neuen Oppositionsführer Ihrer Majestät. Dieser Posten, offiziell verankert und ordentlich bezahlt, kommt zwar auf dem Papier dem Labour-Führer Michael Foot zu, nicht aber in der Meinung der Wähler. Die haben vergangene Woche in einer Meinungsumfrage bestätigt, daß von den drei Herren, die Margaret Thatcher beerben möchten, Michael Foot dies am wenigsten verdient (nur 19 Prozent der Befragten sind mit Foots Arbeit zufrieden). Auch Roy Jenkins, der SDP-Chef überzeugt das britische Volk nicht recht; 31 Prozent positive und 39 Prozent negative Voten sind ein ominöses Warnzeichen für den ehemaligen Präsidenten der EG, dessen Amtserfahrung daheim und in Brüssel ihm nicht viel zu helfen scheint.

Des Wahlvolkes Lieblings-Opponent gegen die eiserne Lady ist vielmehr David Steel, der 44jährige Schotte, der lange Zeit zu jungenhaft aussah, als daß man ihm die Qualitäten eines Staatsmannes zugetraut hätte. Nun hat er, auf dem Parteitag der Liberalen, seine Statur bewiesen. Mit ihm sind 47 Prozent zufrieden – das ist auch die Zahl für die Premierministerin. Aber die beiden liegen nicht Hals an Hals, wie man im Englischen sagt. Denn 49 Prozent sind mit Margaret Thatcher unzufrieden, aber nur 37 mit David Steel.

Das sind keine Wahlvorhersagen. Aber bei abebbendem Falkland-Effekt und bei unentschiedenem Kampf um die Seele der Labour Party hat Steel seine Chance ergriffen. Zum erstenmal seit 1945 steht ein Führer der britischen Liberalen nicht im Windschatten der beiden großen Parteien, durch das Mehrheitswahlrecht verdammt zu einer Rolle als fünftes – oder drittes – Rad. Steels Partei hat in den neuen Sozialdemokraten einen Rivalen der eigenen Größenordnung erhalten. Mit ihnen müssen die Liberalen ausmachen, wie sich am besten das Kartell der Groß-Parteien unterlaufen läßt.

Darüber schien zunächst Einigkeit zu herrschen. Liberale und Sozialdemokraten wollen das Wahlrecht ändern. Sie wollen eine moderate Wirtschaftspolitik, ohne die mörderischen Restriktionen des Monetarismus der Thatcher-Regierung und ohne den blindwütigen Bürokratie-Glauben der Labour-Linken. Sie wollen eine tolerante Innenpolitik, Chancengleichheit für die farbigen Zuwanderer, ein Ende des Bildungsprivilegs jener Eltern, die ihren Kindern teure Internatsschulen bezahlen können. Sie lehnen imperiale Träume ab und den Gewerkschaftsstaat. So weit, so gut – es bleibt nur die Frage, ob es denn noch Unterschiede zwischen den beiden Verbündeten gibt oder ob es – wie in den letzten Wochen – nur noch um die Wahlkreiskandidaturen geht.

Dies haben Steel und Jenkins relativ einvernehmlich geregelt. Nachdem sich die Blütenträume der SDP, wie das jeder in englischer Realität bewanderte Beobachter von Anfang an sehen konnte, zur Erwartung einer Durchschnittsernte reduziert haben, beschneidet die SDP derzeit ihr Geäst. Eine Reihe von Wahlkreisen sind wieder an die Liberalen abgetreten worden. Innerhalb der Allianz haben die Liberalen nun die Chancen, die ihnen als einer millionenstarken Wählerpartei zukommt. Die SDP, die derzeit doppelt so viele Unterhausmandate hält wie die Liberalen, hat akzeptiert, daß es ihr schwerfallen wird, reine Überläufer-Sitze bei den nächsten Wahlen zu behaupten. Anders ausgedrückt: David Steel ist seiner Wiederwahl in Roxburgh sicher, Jenkins muß in Glasgow-Hillhead bangen.