Ein Besuch bei dem Graphiker Klaus Staeck

Von Raimund Hoghe

Ich bin eine Stunde zu früh gekommen und gehe noch ein wenig durch die Heidelberger Altstadt, vorbei an einem neuen Plakat von Klaus Staeck: "Achtung Opportunisten; Jetzt umsteigen", und der bunten Bilderflut auf dem Marktplatz, wo ein Souvenirladen neben dem andern das bekannte Postkarten-Heidelberg offeriert. Die Sonne scheint, es ist wann, die Touristen photographieren. In einem Straßencafe klagt eine ältere Dame über den Tod von Gracia Patricia und stellt beinahe entschuldigend fest: "Und ich bin 30 Jahre alter als sie –" Vor dem Rathaus singt eine Gruppe vom "Bi-Ba-Biedermann" und verteilt Handzettel für eine Veranstaltung am Abend: "Sei keine Duckmaus – Aktiv gegen Berufsverbote."

Ich gehe zurück zu Klaus Staecks Laden, in einer der engen Altstadtgassen, nur wenige Schritte vom Marktplatz entfernt. An einer der grauen Wände des Eckhauses der Spruch eines Sprayers: "Herr Staeck, Sie sind schon blaß", darunter die Feststellung: "Die Zeiten sind auch danach. Es ist der 16. September, ein Tag vor dem Ende der sozial-liberalen Koalition. Klaus Staeck sitzt hinter einem Berg von Büchern, Briefen und Papieren und telephoniert. Wir beschließen, nach draußen zu gehen. Unterwegs erzählt er von Heidelberg und davon, daß er vor mehr als 20 Jahren aus der DDR nach hier gekommen sei. Seitdem sei er in Heidelberg hängengeblieben. Aber er bereue das nicht, er lebe gern hier – ein wenig abseits nicht nur vom Kulturtrubel. Jeder, der was von einem will, muß schon extra kommen – in Heidelberg kommt man nicht zufällig vorbei."

Der gelernte Jurist Klaus Staeck: als Graphiker einer der bekanntesten deutschen Künstler der Gegenwart und, wie er sagt, "für viele die Inkarnation des Bösen", Er sagt das lachend und ohne Krampf, wirkt entspannt und paßt so gar nicht in das Klischeebild, das nicht nur seine Gegner von ihm entwerfen, "Bei vielen geht das Rollo runter, wenn sie meinen Namen hören." Da sei dann gleich, was er mache. Kürzlich habe er beispielsweise für die Ausstellung in einer Kirche "ein tolles Environment" gemacht. Vor das Großphoto eines üppigen kalten Büfetts stellte er nach bekanntem Vorbild einen Tisch mit einem Dutzend Tellern, auf denen nur Steine lagen. Dazu arrangierte er Tischkarten mit den Namen der zwölf ärmsten Länder der Welt, Da habe es wieder große Aufregung gegeben – "obwohl man inhaltlich ja eigentlich nichts dagegen haben konnte". Bei Arbeiten im religiösen Bereich komme es auch oft vor, "daß die Leute für einen beten wollen".

Andere Reaktionen auf seine auf Millionen von Plakaten, Aufklebern und Postkarten verbreiteten Graphiken machten Schlagzeilen – wie der Bildersturm christdemokratischer Politiker, die 1976 Staeck-Plakate von den Wänden der Parlamentarischen Gesellschaft in Bonn rissen und dem so in die Nähe der verbrannten Dichter gerückten Künstler eine Publicity ohnegleichen verschafften; Rund 1800 Berichte und Kommentare beschäftigten sich mit den handgreiflich gewordenen Unionspolitikern.

Beim Durchblättern des Archivmaterials über den 1938 in der Nähe von Dresden geborenen Klaus Staeck war es nicht zuletzt eine kleine Episode, die mir nicht mehr aus dem Kopf ging. Da berichtete er, wie in einer Ausstellung ein Vater sein Kind anwies: "Hol’ dir mal ein Autogramm von dem – in einem Jahr haben sie den sowieso erschossen, Ich frage ihn nach seiner Angst. "Ich habe zwar manchmal Angst, aber ich bin kein ängstlicher Typ", sagt Klaus Staeck und spricht davon, einen Punkt der Gewöhnung erreicht zu haben. Auch die anonymen Briefe würden ihn inzwischen völlig kalt lassen. "Ich bin Realist genug, um zu wissen, daß das Ausnahmeerscheinungen sind. Beunruhigen tun mich in Wahrheit ganz andere Dinge – wenn sich zum Beispiel das Klima generell ändert. Wovor mir graust, nicht im Sinn persönlicher Angst, ist, daß Zustände kommen, wo Leute ihre Verwünschungen offen ausleben." Schon jetzt komme es immer häufiger vor, daß Drohbriefe mit vollem Namen und Anschrift abgeschickt werden. Nach seiner "III nach 9"-Talkshowauftritt schrieb beispielsweise eine Dame aus Berlin, daß "Typen" wie er und Joseph Beuys des Landes verwiesen, zur Persona non grata und zu Teufeln erklärt werden sollten – "damals wären sie vergast worden, leider waren sie noch zu klein".