Von Erich Loest

Das Billett kostet fünfzig Francs, die Überfahrt dauert jeweils eine Dreiviertelstunde. Die Decks der Fähre sind proppenvoll, Kinder und Hunde wiesehr zwischen allen Beinen herum. Von der Spitze der Halbinsel Quiberon hat man die Belle-Ile vor sich in ihrer Länge von 18 Kilometern, den Leuchtturm an der Nordspitze. Unterdessen ist Zeit, aus Prospekten zu erfahren, nur zweimal hätten die Engländer die schöne Insel vor der bretonischen Küste für kurze Zeit erobert; die deutschen Besitzer von 1940 bis 44 bleiben unerwähnt. Das Fort, das Sébastien Vauban erbaut hat, wächst mit seinen Zacken deutlich aus dem Panorama. Heute ist es Museum, zwischendurch war es – man ist versucht zu sagen: natürlich – Gefängnis.

Die meisten, die übersetzen, haben ihre Autos in Quiberon vor Parkuhren abgestellt, nach der Rückkehr werden sie einen Strafbescheid hinter den Scheibenwischern vorfinden. Aber noch liegt der Erlebnistag vor ihnen, die Sonne strahlt, das Meer ist gesprenkelt von weißen Segeln, Im Hafen von Le Palais empfängt uns Trubel: die üblichen Ansichtskarten- und Tandbuden, Autos kurven von der Fähre, hier kann man Mietwagen und Fahrräder leihen oder in die Busse zur Inselrundfahrt steigen. Der Massentourist tut’s: die gesamte Insel an einem Tag für 37 Francs. Abenteuerlich eng sind die Gassen, unversehrt bleiben die Eckhäuser zurück, vorsorglich läßt der Fahrer eine gellende Hupe vor jeder Kurve ertönen. Le Palais, angefüllt mit Dieselgestank, Schweiß, Geschäftssinn und den üblichen miserablen Touristenmenüs ist nach zwei Minuten vergessen.

Die Hochebene liegt einsam, karg. Der Bus erklimmt den höchsten, zentralen Punkt, am Flugplätzchen biegt er nach Süden. Tamarisken wachsen an den Straßenrändern zu Bäumchen auf, dahinter erstrecken sich Ödland, auch dünne Gerste, Maisversuche, erbarmungswürdige Weide, auf der mageres, kleingeratenes Rindvieh angeflockt ist, Wehmut und die unwandelbare Hoffnung auf großherzige Lebensspende aus Brüsseler Subventionstöpfen im Braunaug‘. Da und dort ein Zeit in einer Senke, Wäsche auf der Leine, Radfahrer flüchten vor dem Bushorn an den disteligen Straßenrand. Drüben blinkt das Meer, dort wieder, dann darf nahe des Südkaps ausgestiegen werden zu kurzem Photographieren und dem Kaufen von angeblich handgefertigter Spitze. Weiter an den Buchten von Port Yorck und Port Guen entlang, zwischen Felsenzacken, sind blaue Märchenbuchten mit hellem Sand eingestreut. Da unten bräunen Körper, waten Kinder, kippen Surfer vom Brett. Dort sollte man Urlaub machen, sinnt der Bustourist, tauchen, spartanisch leben, die Nerven stärken, braun werden wie ein Indianer. Robinson für zwei Wochen. Aber der Wagen, der rollt wieder hinauf aufs Plateau, und an einem der spektakulärsten Punkte entläßt er auf zwei Stunden, denn hier, am Westkap gibt es Grotten und Felsnasen im schäumenden Meer und vor allem eine Gaststätte: Der Tourist muß essen. Wo blieben sonst sein Wohl und der Inselprofit?

Möwengeschrei hängt über den Klippen. Inseln, Inselchen, Felsnadeln sind vorgelagert. Berühmt ist die Apothekengrotte, dort bauten früher, vor dem Touristenboom, die Möwen ihre Nester so akkurat nebeneinander, wie ein Apotheker seine Gläser und Büchsen in die Regale stellt. Geradeaus gibt es nichts mehr bis Amerika. Pfade, Tritte führen zu Buchten hinab, wer sich hier hinunterwagt, genießt Ruhe. Kinder spielen zwischen Steinen, Taucher in schwarzen Anzügen, mit Brille und Schnorchel, machen sich mit langer Harpune zum Fischeschießen auf. Burschen hocken auf gelbem Schlauchboot, die grauen Felsen hinter sich. Kalt ist das Wasser, ich schätze 16 Grad, was ich sonst durchaus nicht schätze, aber ich weiß, ich würde es mir nie verzeihen, hier gekniffen zu haben. Ich schwimme und schaue an den Felsen hinauf, hell ist der Grund unter mir, als ich über schwarzen gerate, schrecke ich zurück. Sächsischer Wikingermut hat Grenzen.

Dann doch hinein in die Gaststätte, schon an der Tür schlägt Lärmterror über mir zusammen. Mehr als hundert Touristen speisen hier, das Angebot ist überraschend vielseitig, wundersame Früchte des Meeres entdecke ich auf Nachbarsplatten, da wissen geschickte Finger unfallfrei mit Auster und Schnecke, Languste und Riesenkrebs umzugehen; wenn’s nicht weiter will, hilft der Nußknacker nach. Zart ist die Scholle, hilft der weiße Wein. Aber dieser Krach! Hundert Kehlen meinen sich überschreien zu müssen mit der höchst wichtigen Mitteilung, man sei zum ersten oder neuntenmal hier, und: Waren Sie schon in der Grotte unten In der Grottäää? Ein Dreijähriger hat das alles satt und macht von seinem Recht Gebrauch: Er brüllt wie am Spieß. Zwei Tische weiter dreht ein Vater durch. Da finden seine Gören die Fritten oder Cracker oder was auch immer auf dem Teller des anderen leckerer und ziehen beleidigte Schnuten, der Vater packt das Zeug mit den Pfoten und schaufelt um: So! Maulend gabeln die beiden nun, man sieht, am liebsten möchte der Vater seinen Kindern das vierspännige Menü um die Ohren hauen. Nur die Mutter blicket stumm. Also die Zeche gezahlt und hinaus an die gepriesene Luft und durchgeatmet. Allein müßte man hier sein.

An der höchsten Stelle, nahe der berühmtesten Grotte, deren halsbrecherische Treppen ohne Geländer ich mich nicht hinabbewege, haben sich die Deutschen für die nächsten tausend Jahre ihr Denkmal gebaut: Ein Bunkersystem betonierten sie in den Felsen, die Scharten aufs Meer gerichtet, ein Stückchen Atlantikwall. Ich stelle mir vor, wie die alten Kameraden hier eine gute Zeit hatten, schwammen und dem Rotwein und den Mädchen nachstellten, auf Wache dösten und die Invasion weniger fürchteten als den Marschbefehl nach Rußland, Ich hoffe, daß hier kein Schuß gefallen ist, daß die Verteidiger, als die Amerikaner bei Avranches durchgebrochen waren, sich der Resistance ergaben und beim anschließenden Minenräumen ihre Beine nicht verloren. Aber es kann auch ganz anders gewesen sein.