Berlin; "Roberto Matta"

Witzig und schlagfertig steht der mittlerweile siebzigjährige Matta zwischen seinen Bildern, präsent wie eh und je, und auch die Werke, die alten wie die neuen, haben nichts von ihrer Kraft verloren. Im Gegenteil: Derjüngsten Generation der Punk- und No-Future-Maler scheinen Seine Wesen vom anderen Stern, seine Maschinenbesessenheit viele Anregungen gegeben zu haben – sie wirken frisch wie am ersten Tag. In Chile geboren und von Jesuiten erzogen, umreiste Matta die Welt, arbeitete bei Le Corbusier und traf mit Gropius und Moholy-Nagy zusammen, bevor er 1937 auf André Breton stieß und sich der Surrealisten-Gruppe anschloß: Matta wurde Maler. Seither pflegt er das Konzept des psychischen Automatismus, das vom Verstand möglichst unkontrollierte Umsetzen seelisch-phantastischer Bilder auf die Leinwand. In den Vereinigten Staaten, wohin Matta 1939 als erster der Surrealisten emigrierte, hatte seine Bildwelt großen Einfluß auf die Entwicklung der amerikanischen Nachkriegsmalerei der Abstract Expressionists und Action Painters. Er sei, sagt Matta, kein Maler, sondern Leuchtturmwärter, und was er uns ausleuchtet, ist fremdartig genug. Auf großen, weiten Leinwänden, die den ausufernden Erzählungen und kosmischen Entwicklungen genügend Platz lassen, erscheinen organisch sich fortentwickelnde Alptraum- und Maschinenwesen, in ungreifbaren Räumen, auf implodierenden und explodierenden Monden. Mechanik wird beseelt, Menschen verwandeln sich in doppelköpfige Zentauren und unförmige Plasmagebilde. Nichts ist hier statisch, alles ist in schwindelerregender Bewegung, setzt sich wie im Traum, wie in freier Assoziation fort und fort. Das ist Symbol für Schöpfermythos und die nächtlich-taghelle Doppelseite des Menschen, Vernunft und Chaos, Kontrolle und Irrationalität. Vieles erzählt von Urängsten; doch unversehens tauchen Comic-Figuren auf, und die Grimassen, Situationskomik und fröhliche Farben geben dieser schweren, tiefen Malerei plötzlich auch heitere Leichtigkeit – Matta ist eben auch ein Clown. Das belegen nicht zuletzt die jüngsten Bilder, die in der sehr informativen, für eine private Galerie und Sammlung hervorragend bestückten Retrospektive einen eigenen Akzent setzen. (Reinhard Onnasch, Ausstellungen, bis 15. 10., Katalog 15 Mark) Ernst Busche

Kiel: "Antonio Calderara – Freunde – Einflüsse – Anregungen"

Ein Blick zwischen Hauswänden hindurch auf ein verschwindend kleines Blau. Das Bild "Casa" ist 1958 entstanden – an der Grenze zwischen figurativer und konkreter Malerei. Calderaras Thema ist der Dialog der Rechtecke im Medium der Farbe. Das Motiv "Häuserdurchblick" wird sich zum Schema der "Vertikalen Spannung" klären, aus den Ansichten des heimischen Orta-Sees filtriert Calderara den Bildtypus "Horizont". Die konstruktive Strenge Mondrians, und Morandis selbstverständliches Empfinden für farb-formale Korrespondenzen verbinden sich in den lichtgeweiteten, schimmernden Geometrien des Norditalieners. Seine ungewöhnliche Tat ist es – ein halbes Jahrhundert nach den Pionieren die Abstraktion für sich noch einmal entdeckt zu haben. Seine "Lichträume" sind die Schlußfolgerung aus einer Arbeit, die in den zwanziger Jahren begann – ein veritables Alterswerk. Die Ausstellung versucht zweierlei: die Entscheidung des Eigenbrötlers von 1959/60 rückblickend verständlich zu machen und – in Ergänzung zur Düsseldorfer Retrospektive – den Maler im Kontext der Kunst um 1960 als einen Vertreter der Avantgarde darzustellen. So sind es eigentlich zwei Ausstellungen geworden. In der einen hat Calderaras biedermeierlich-beschauliche "Familie nach dem Gewitter" von 1934 ihren Platz, und in die andere gehören zum Beispiel ganz ohne Zweifel Sotos Op-Art-Objekte. Calderara war ein, passionierter Sammler. Achtzehn Namen, die auch in der Fondazione in Vaciago vertreten sind, hat man in Kiel ausgewählt. Die Verwandtschaften liegen offen – bei Albers’ "Interaction of Color", dem "Chromatischen Relief von Jochims, Girkes in räumliche Schwingung versetztem Weiß, Prantls "Stein zur Meditation". In zahlreichen Lasuren entwickelt und mit Licht förmlich vollgesogen, spiegeln Calderaras Tafeln die Idee der Fläche als Energiefeld. Da bietet sich ein Mack mit seinen dynamischen Strukturen zum Vergleich an, Graubner mit sanften Nebeln, Uecker mit den Nagelreliefs, Gonschior mit seinen Punktsaaten und Dorazio mit den pulsierenden Farbgeweben. Die brutalen Verletzungen, die der Freund Lucio Fontana der Leinwand zufügte, kontrastieren mit Calderaras kultivierter Lichtmalerei; von der Intention her, der Fläche Raum zuzugewinnen, sind sie ihr gleich. Bei Calderara sind die Farbelemente nicht an die Oberfläche geheftet; sie fluktuieren – tauchen auf im Dunst und verschwinden zugleich. Das Schweigen wird bei ihm beredt. (Kunsthalle zu Kiel und Schleswig-Holsteinischer Kunstverein bis 24. Oktober, Katalog 28 Mark) Volker Bauermeister

Wichtige Ausstellungen

Berlin: "Expressionisten – Sammlung Buchheim" (Akademie der Künste bis 24. 10., Katalog 48 Mark)

Berlin: "Meisterwerke Antiker Kunst – Abgußsammlung Berlin" (Mosaikhalle derSiemens AG, Rohrdamm 85 bis 29. 10.)