Die junge Frau versteckt den Liebhaber unter ihrem weiten Kleid. Die Hand des heimkommenden Mannes legt sie auf den Kopf des Geliebten: Der hält die Wölbung unter ihrem Kleid für ein Zeugnis seiner Manneskraft, für ein Versprechen baldiger Vaterschaft.

Zwei Brüder stecken mit je einem Arm im Mantel des Vaters, der jedem von ihnen zu weit wäre. Aus einem Streicheln, zum Trost über den Tod des Vaters, wird ein Karate-Kampf. Am Ende bohrt der Sieger/Brudermörder auch die zweite Faust ins Ärmelloch.

Zwei Frauen umkreisen einander in zeremoniösen Tanzschritten. Das Lächeln wird fiebrig wie das Violett, giftig wie das Grün ihrer Kleider. Die Finger, die sich nur berühren dürften, verkrallen sich ineinander. Der Pas de deux wird zum Ringkampf.

Aus solch ambivalenten Momenten, aus Szenen, in denen Gefühl umschlägt vom einen Extrem ins andere, erhält der fast drei pausenlose Stunden dauernde Tanzabend von Reinhild Hoff mann im Bremer Concordia seine irritierende Spannung: "Könige und Königinnen." So reich und bunt, so phantastisch blühend, auch so (für Augenblicke) lustig, so wenig einheitlich, weil willentlich widerspenstig und disparat, hat die Tänzerin und Choreographin Reinhild Hoffmann mit ihrem Bremer Ensemble bisher nicht gearbeitet ("Fünf Tage, fünf Nächte", 1979; "Hochzeit", 1980; "Unkrautgarten", 1980; zuletzt der Schönberg-Abend mit "Erwartung" und "Pierrot Lunaire", Januar 1982). Nach Balletten, denen die Bremer Zuschauer oft nur mit (hörbarem) Widerwillen zugesehen haben, ist die neue Folge von sechs Mono-Dramen einer Tanz-Suite die am leichtesten eingängige – trotzdem nicht auf anbiedernde weise "populär".

Auch antimonarchistisch gesinnte Menschen haben ihre Herzens-"Königin", ihren Herz-"König". Und gerade demokratische Länder entwickeln ein penetrantes Bedürfnis nach Schönheits-"Königinnen". Auch mit solchen Sehnsüchten spielt der Titel der Bremer Tanz-Suite.

Doch sucht Reinhild Hoffmann die Gesten, Bilder, Phantasie-Szenen, Traum-Sequenzen, Angst-Visionen ihrer Choreographie im Märchen, in der Mythologie, in archetypischen Bildern, in der Tradition des gelegentlich parodierten) Balletts, des Theaters, des Films. Die in bodenlange Pelzmäntel geknöpften achtzehn Frauen und Männer des Ensembles gruppieren sich, von unten angestrahlt, in schönen oder drohenden Formationen. Im lang sich erstreckenden Saal des ehemaligen. Kinos scheinen sie, blicklos die Zuschauer, anstarrend, wie aus einem Film von Buñuel geschnitten. Der keuchende Kampf der Männer- gegen die Frauen-Gruppe in dem zugleich prunkend festlichen und ängstigend düsteren Märchen-Spiel "Höfisches Fest" läßt an Augenblicke von Strawinskys "Sacre" denken.

Bedrohlich und rätselhaft schon der stumme Beginn. Wenn die neunundneunzig Zuschauer, welche die Feuerpolizei zu jeder Aufführung im Concordia zuläßt, den Saal betreten, stehen die Tänzer-Schauspieler schon im Raum, barfuß, in langen Königsmänteln, mit dem Rücken zum Publikum. Auf eine schwarze Schräge an einer der Schmalseiten des Saales sind, in lockerer Gruppierung, neunundneunzig weiße Stühle geschraubt. Ein gelbes Klebeband teilt das lange schwarze Rechteck der Spielfläche in der Diagonale. Schmale, hohe Fensterluken, elf an der Längs-, fünf an der Schmal-Seite, oben wie von Rauch geschwärzt, gliedern die blau-rot bemalten Wände und erlauben wunderbare, überraschende Auftritte. In die hintere Ecke stellt der Bühnenbildner Johannes Schütz eine die Tür verdeckende, hohe, weiße Rundsäule.