Ich möge ihn doch bitte nicht für pedantisch halten, schrieb ein Leser, aber wenn ich von einem Mädchen erzählte und diese Mädchen Mädchen erzählte verstieße ich doch wohl gegen alle Regeln der deutschen Grammatik. Auf "das" Mädchen hätte ich mich mit "es" zu beziehen. Ich halte diesen Einwand nicht für pedantisch; ich halte ihn für falsch.

Zufälle der Sprachentwicklung wollten es, daß im Deutschen einige durchaus weibliche Wesen zu Sachen wurden, zu grammatischen Neutren. Eine emanzipationsgeladene Soziologie, die feststellte, da sehe man es ja einmal wieder, wie die Männer das Weib – das Weib! – zum Objekt machten, zur Sache, wäre philologisch unhaltbar. Es ginge allenfalls auf einem Umweg: Frauen wurden, eher als Männer, gern mit zärtlichen Verkleinerungsformen bezeichnet, und diese Verkleinerungsformen haben in der deutschen Grammatik sächliches Geschlecht: das-Fräulein, das Mädchen, das Gretchen, das Mütterchen.

Daran wird sich kaum mehr etwas andem lassen; damit müssen wir leben. Aber übertreiben sollten wir es nicht. Je weiter sich das Fürwort, das Pronomen, das sich zu einem Geschlecht bekennen muß, von dem sächlichen Hauptwort entfernt, desto mehr verliert die Grammatik von ihrer Macht.

"Das Mädchen erzählt seine Geschichte." "Ihre" wäre hier noch verfrüht. "Es erlebte sich selber zum ersten Male als Frau," Zur Not ja. Mir gefiele schon hier "sie" besser. Bitte, dichten Sie diese Geschichte weiter, und ich gehe jede Wette ein, daß Sie irgendwann einmal doch zu weiblichen Pronomen übergehen werden. Der unsterbliche Wöstmann ("Sprachdummheiten", 1949) gibt dieses Beispiel; "Die Tochter ist ein Stern von Anmut, um den sich die tanzenden Herren förmlich reißen, wenn er in der Gesellschaft erscheint, Sein Resümee: "In einer langen Reihe von Sätzen das grammatische Geschlecht pedantisch festzuhalten, kann unerträglich werden."

Schlag nach bei Goethe! Da heißt es so: "Dienen lerne beizeiten das Weib nach seiner Bestimmung, denn durch Dienen allein gelangt sie (und nicht etwa: es) endlich zum Herrschen." Es geht hier um richtigen Sprachgebrauch, nicht um männlichen Chauvinismus.

Bleiben wir bei Goethe. Würden Sie schreiben: "Gretchen trägt die Züge von Selbsterlebtem. Es erinnert an die Warrerstochter ...es entfaltet eine rührende Naivität... ers ... es ... es"? Doch hoffentlich nicht. Merke: Die Grammatik ist nützlich und stark. Das natürliche Geschlecht ist auf die Dauer nützlicher und stärker. Leo