Von Hans-Christoph Blumenberg

Maria Schwarzlose ist eine verdächtige Person. Irgendwie scheint sie in die höchst sonderbaren Vorkommnisse um das Europäische Patentamt verwickelt, wo auch die Erfindungen ihres verstorbenen Vaters lagern. Vom Patentamt geht eine gänzlich unerklärliche Hitze- und Lichtentwicklung aus, die München in einen Ort von tropischen Temperaturen verwandelt und alsbald natürlich auch die Medien auf den Plan ruft. Kommentatoren und Reporter machen sich ans Werk, suchen nach Erklärungen für das Unerklärliche, mit dem Maria Schwarzlose auf mysteriöse Weise zu tun hat. Der strahlende Spuk indessen verschwindet so flink wie er über die Stadt hereingebrochen ist. Von Maria Schwarzlose hört man nie wieder etwas, dafür um so mehr von den professionellen Deutern der Zeichen und Wunder.

"Zeichen und Wunder" heißt die vorletzte Arbeit des Münchner Filmemachers Niklaus Schilling: kein Kinofilm, sondern eine mit einer billigen Videokamera aufgenommene abendfüllende Bild-Störung über das Fernsehen, für das Fernsehen. Aber "Zeichen und Wunder" ist kein didaktischer Diskurs, sondern ein ironisches Spiel mit den Verkehrsformen der gewöhnlichen Television: wie eine riesige Maschinerie (mit "Sonderstudio" und "Direktübertragung") ein Mirakel kraft ihrer bürokratischen Trägheit auf einen sendefähigen Zwischenfall verkleinert. Die allgemeine Routine schafft keine Panik, sondern allenfalls eine winzige Irritation. Ähnlich gelangweilt würde unser Fernsehen wahrscheinlich auch auf den Ausbruch des nächsten Weltkriegs reagieren.

Mit "Zeichen und Wunder", einer unabhängigen Produktion, für deren Ausstrahlung sich kein Sender erwärmen konnte, hat sich der 1965 aus der Schweiz zugewanderte Niklaus Schilling gewiß keine neuen Freunde in den Fernsehanstalten erworben. Schon seine vier seit 1971 entstandenen Kinofilme ("Nachtschatten", "Die Vertreibung aus dem Paradies", "Rheingold", "Der Willi-Busch-Report") wiesen ihn als eigensinnigen Tüftler und Bastler aus, als einen Regisseur, bei dem man nie recht wußte, woran man war. Schillings Lust an Vieldeutigkeiten und doppelten Böden, seine Exkursionen in deutsche Mythologien ("Nachtschatten", "Rheingold"), seine skurrilen Slalomläufe durch eine vom alltäglichen Schwachsinn verwor- – fene Medienlandschaft ("Die Vertreibung aus dem Paradies", "Der Willi-Busch-Report") paßten in keinem Fall in die sicheren Kategorien des mittleren Realismus.

Mit "Zeichen und Wunder" entfernt sich Schilling vom Kino, einer langsam sterbenden Kunst, deren Nekrolog er schon in der "Vertreibung aus dem Paradies" gehalten hatte: der gelegentlich auch auf bittere Weise heiteren Geschichte eines aus Italien nach München heimgekehrten Kleindarstellers, der zwar keine Arbeit beim Film findet, dafür aber in ein ganz reales Kinomelodram gerät, das ihn am Ende wieder in die Kunstwelt von Cinecitta entläßt.

In "Zeichen und Wunder" aber verläßt Schilling nicht nur, wie immer in seinen Filmen, den stabilen Boden einer kleinlichen Realität (und dringt vor auf das wie ein Moor unter den Füßen nachgebende Terrain des trügerischen Scheins), sondern er mißachtet auch, der immanenten Logik seiner unmöglichen Geschichte folgend, die stilistischen Notwendigkeiten des Fernsehens. Unter der gigantischen Energie- und Lichtstrahlung des Europäischen Patentamtes zerflattern die Videobilder, verschwimmen die Töne. Je besonnener (und absurder) die Anstrengungen der Kommentatoren werden, desto deutlicher zerfällt die behauptete Übersicht in ein schieres optisches und akustisches Chaos. Mit Manipulationen der Videotechnik entstellt Schilling die Ordnung der Dinge: Der Himmel über München verfärbt sich, gleißendes Licht blendet die Akteure. Der Westen leuchtet.

Die Titel der beiden letzten Arbeiten von Niklaus Schilling erscheinen fast austauschbar. Dem Videoexperiment "Zeichen und Wunder" (das bislang nur im Februar 1982 im Berlinale-Forum gezeigt wurde) folgt jetzt der Kinospielfilm "Der Westen leuchtet!" (auf das Ausrufungszeichen hinter dem Titel legt der Regisseur großen Wert). Da sieht die Bundesrepublik tatsächlich aus wie ein Land der Zeichen und Wunder: ein Markt des farbenprächtig schillernden Überflusses, gesehen durch die Augen eines nach München entsandten DDR-Agenten namens Harald Liebe Armin Mueller-Stahl), der, als Veteran der "unsichtbaren Front", beim Rendezvous mit dem Doppelspion "Heinz" feststellt, daß sich hinter diesem Decknamen eine gewisse Dagmar Ostfeld verbirgt.