Von Peter von Becker

Er spricht leise, mit bescheiden deutender, bei den ersten Sätzen auch scheu bedeutungsvoller Stimme. Und sogar stumm wirkt er beeindruckend, weil Künstler in einer gehörigen Künstlernovelle bis wenigstens zu Thomas Manns Zeiten ausgeschaut haben (müssen) wie er.

Manchmal begegnet man ihm unvermutet. Woyzeck möchte endlich ein Ende machen mit der Wut und seiner Trauer um die Tambour-Marie, er will ein Messer. Das Messer verkauft ihm ein alter Jude, ein Herr mit Barttracht um den halbkahlen schlohsträhnigen Schädel, dem in seiner düstren Budike der von Wissen und Weh umflorte Blick eines vorstellungsweise biblischen Menschen zu Gesichte steht. Es war dies, kaum maskiert, der Dichter Wolfgang Bächler, der dem Schauspieler Klaus Kinski irgendwo im Böhmisch-Mährischen die Waffe reichte, in Werner Herzogs Büchner-Film. Und kürzlich, als ein Fetzen übers Lebensrinnsal und Liebesgeströme der Gräfin Reventlow im Fernsehen lief, gab’s auch einen Augenblick des Erwachens: Wer da in einer trubeligen Jahrhundertwendkneipe für ein paar Minuten ruhig und schwer und schwarzberockt als Schwabinger Kunstprofessor unter eine Schar von Bohème-Darstellern trat, war der Schriftsteller W. B., der heute zwischen Schwabing und Münchner Innenstadt in einer gesichtslosen Nebenstraße eng geduckt unterm Dach wohnt.

Beinahe wäre man ihm vor einiger Zeit auch anläßlich eines Dichter-Jubiläums wieder im Fernsehen und erstmals auf der Bühne begegnet: Hätte Klaus Michael Grüber bei seinem Beniner "Faust" (mit Minetti) nicht neben vielem anderen auch den Prolog im Himmel zu Beginn der Proben gestrichen, wäre Bächler die Rolle des "Herrn" vermutlich nicht übel angestanden. Jedenfalls wäre er ein sehr gütiger und, was Wunder in dieser Zeit, ein etwas schwermütiger Herrgott gewesen ...

Wolfgang Bächler ist 1925 in Augsburg, dort also ein Vierteljahrhundert nach Brecht, geboren worden. Mit 22 war er der jüngste Mitbegründer der "Gruppe 47"; und obwohl seine ersten Gedichte, die er zum Teil noch als Schüler und Soldat im Krieg geschrieben hat, einst Gottfried Benn und Thomas Mann hoch gelobt haben, ist Bächler 30 Jahre später bereits ein beinahe Vergessener gewesen. Da half auch der rühmende Zuspruch von Heinrich Böll oder Martin Walser wenig; Walser machte darauf aufmerksam, daß Bächlers 1950 erschienenes Frühwerk "Der nächtliche Gast", eine nervös fiebrige Erzählung, der überhaupt erste Roman war, in dem die deutsche Teilung vorkam. Mag sein, daß sich daran etwas zu ändern beginnt, da Bächler auf Schriftstellertreffen und bei Lesungen schon seit einiger Zeit neue Aufmerksamkeit findet. Aber einen Literaturpreis hat er bis heute nicht erhalten...

"Wer mein Schweigen nicht annimmt, / dem habe ich nichts zu sagen." Dieser Zweizeiler steht im jetzt erschienenen Band von –

Wolfgang Bächler: "Nachtleben"; S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1982; 38 S., 20,– DM.