Was tut man in einem Land, das "in einer der kältesten Zonen Europas" liegt? Was sind die Alternativen zu Sehenswürdigkeiten von "entwaffnender Monotonie"? Ein italienischer Europa-Führer für Jugendliche, jüngst der italienischen Wochenzeitschrift // mondo beigepackt, verrät es: Deutschlands Dauerverrät ist nur von Freizeitsoziologen zu ertragen. Und auf daß sich die wißbegierigen Kinder der Sonne bei ihrer Suche nach "ökonomischen und sozialen Phänomenen" im frostigen Germanien nicht erkälten, weist ihnen das geniale Büchlein vielversprechende Trampelpfade.

Der erste, lebensnotwendige, führt die Jungforscher zum Lokal-Augenschein. Dabei werden sie, prophezeit der Wegweiser, überall herbe Enttäuschungen erleben – außer vielleicht in Bayern. Mit "Weißwurst und Laberkas" variiert dort die in Lederhosen gewandete Bevölkerung phantasievoll das tägliche deutsche Gemüsezweierlei, Kraut und Kartoffeln. Trinken bietet mehr Abwechslung, tröstet das Reisebrevier. Im "Land des Bieres" stehen immerhin das "traditionelle Helle", das "bittere Pils" und das Altbier zur Auswahl, letzteres eine Kreation "nach dem System der alten Bierbrauermeister".

Eine Exkursion in die deutsche Arbeitswelt soll die jungen Italiener von ihrer Magenverstimmung ablenken. Der Weg zur Erkenntnis, wird ihnen beschieden, führt an den "Bungalows" vorbei, in die deutsche Industriearbeiter nach Dienstschluß "verbannt" werden. In diesen Wohnsiedlungen verifiziert sich die Hypothese, daß "höchst effiziente Infrastruktuum" vor allem dazu dienen, "die Welt der Produktion reibungslos funktionieren zu lassen". Zu meiden sind allerdings die "Gettos" der Hamburger Hafenarbeiter; "Messer und Pistolen sind hier so gewöhnliche Accessoirs wie Schuhe", heißt es fürsorglich im Reisebuch. Sonst herrscht natürlich überall Ruhe und Ordnung: "Pünktlichkeit, Präzision und Organisation sollen die traditionelle Phantasielosigkeit der deutschen Manager und Beamten wettmachen." Begegnungen der dritten Art spielen in der Berliner Szene. Eine Impression all’italiana: "Wenn ein Berliner Vorstadtmädchen aus dem kleinbürgerlichen Trott auszubrechen beschließt, kleidet es sich in exzentrische Klamotten und flaniert auf dem Kurfürstendamm." Doch in dieser Stadt, wo man noch jene Gebäude findet, "die man so oft in Filmen über Nazi-Deutschland gesehen hat", da wimmelt es von Banausen. Will sich der gebildete Italiener über Wim Wenders unterhalten, sollte er auf keinen Fall Versicherungsangestellte oder gar Straßenkehrer ins Gespräch ziehen. Deren Kulturlosigkeit hat der Deutschland-Guide ausgiebig getestet: "Sie beziehen zwar ein Gehalt, das es ihnen erlaubt, jedes Jahr zur Kur nach Ischia zu fahren, reißen aber erstaunt die Augen auf, wenn man ihnen ‚Im Lauf der Zeit‘ zitiert."

Scheußliches Essen, "teutonischer Eifer", amusische Leute – worauf kann der enttäuschte Tourist da noch hoffen Auf die "Effizienz" der Deutschen Bundesbahn, die wahrlich "überpünktlich" abfährt. Nach Mailand, nach Florenz oder nach Rom. Isolde von Mersi