Gegenwirtschaft

Viele junge Leute finden keine Jobs. Die Sorge um die Belastung der Umwelt nimmt zu. Vor allem Jugendliche suchen nach einer Alternative.

In einer Artikelfolge beschrieb die ZEIT die Alternativbewegung in der Bundesrepublik. Doch Aussteiger gibt es auch in anderen Ländern, sogar in Japan.

Von Helmut Becker

Der Beamte im Ministerium für Handel und Industrie (Miti) in Tokio zuckt die Achsein. Obwohl seit Jahren "für die Probleme der klein- und mittelständischen Unternehmen" zuständig, ist ihm eine solche Frage noch nicht untergekommen: die Frage nach der Alternativbewegung in Japan. Überzeugte Aussteiger auf der Suche nach neuen Existenzformen sind im Miti nicht aktenkundig, versichert der Amtsträger leicht indigniert.

Dem Bürokraten paßt die ganze Linie des Gesprächs nicht. Japan sei – viel mehr als die USA – das Land der unbegrenzten Aufstiegsmöglichkeiten mit einer weltberühmten Demokratie am Arbeitsplatz. Keiner werde sich hier selbst überlassen, lautet die amtliche Belehrung. Und weiter: Die Prinzipien der japanischen Arbeitswelt und die Harmonie der gesellschaftlichen Umgangsformen stünden in wohltuendem Gegensatz zu westlichen Industriestaaten. Der Westen mit seiner sozialen Vereinsamung und psychischen Verelendung durch "das ständige Gegeneinander am Arbeitsplatz und in der Gemeinschaft" produziere eben "gesellschaftsfeindliche Überzeugungstäter".

Konsumverweigerung, Nachbarschaftshilfe und praktische Solidarität mit Gleichgesinnten über die eigene Gruppe hinaus tragen daher in der kastenreichen, aber angeblich klassenlosen Wirtschaftssupermacht das Stigma des Asozialen oder gar des Pathologischen. Selbst Japans Zentren der Seelenmassage stehen im Zeichen totaler Vergesellschaftung des einzelnen: Die ganze Palette "asiatischer Verinnerlichung", die wie Zen-Meditation, Blumenstecken und buddhistische Entsagung seit gut einem Jahrhundert Legionen von Aussteigern aus dem Westen über Indien nach Japan gelockt hat, dient im Reich der aufgehenden Sonne der Erhaltung des Systems und nicht seiner Veränderung.