Von Hans-Hagen Bremer

Für die Beschäftigten des Citroën-Montagewerkes in Forest bei Brüssel war der 17. Dezember 1980 ein schwarzer Tag: Um 13.30 Uhr kam eine für alle – Werksleitung wie Arbeiter und Angestellte – unerwartete Nachricht. Auf einer dringend einberufenen Sitzung des Unternehmensrats gibt die Direktion die von der Pariser Konzernleitung verfügte endgültige Schließung des belgischen Montagewerks der französischen Autofirma zum 31. 12. bekannt.

Für die Belegschaft, die die Schwierigkeiten des eigenen Unternehmens durchaus kannte, von den Absichten der Konzernspitze aber nichts ahnte, kam die Entscheidung völlig überraschend. Denn noch ein Jahr vorher hatte die Leitung der belgischen Citroën-Dependance den 905 Arbeitern und Angestellten eine in der kriselnden Automobilindustrie einzigartige Zusicherung gegeben: "Unser Werk schließen wir nie, und wenn wir eines Tages dort Büstenhalter herstellen müßten."

Daß die Fließbänder im Falle eines Falles nicht einmal mehr zur Herstellung von Miederwaren gebraucht würden, hätte sich freilich die lokale Werksleitung auch nicht träumen lassen. Denn von den Stillegungsabsichten in der fernen Spitze der Peugeot-Gruppe hatte sie erst erfahren, als der Beschluß schon unumstößlich feststand.

Die Stillegung des belgischen Citroën-Werks ist für den Europäischen Gewerkschaftsbund (EGB) das krasseste Beispiel für die Ohnmacht der Beschäftigten in multinationalen Konzernen. Da die Direktion in Forest lediglich die von der Pariser Konzernleitung befohlene Schließung durchzuführen hatte, waren die im Tarifvertrag vereinbarten Informations- und Konsultationsrechte der Belegschaft vor wichtigen Entscheidungen der lokalen Werksleitung das Papier nicht wert, auf dem sie verbrieft waren.

Der Fall Citroën-Belgien ist nur einer von achtzehn Konfliktfällen, die der EGB als "bescheidene Auswahl" in einer Dokumentation zusammengestellt hat, um die Notwendigkeit zwingender gesetzlicher Vorschriften zur Unterrichtung und Anhörung der Arbeitnehmer in den europäischen Tochterunternehmen multinationaler Konzerne zu unterstreichen. Unter dem Stichwort "Vredeling-Richtlinie", so benannt nach ihrem Autor, dem früheren sozialistischen niederländischen EG-Kommissar Henk Vredeling, hat sich das Europa-Parlament in Straßburg auf seiner September-Tagung mit einem entsprechenden Gesetzgebungsvorschlag der EG-Kommission befaßt. Sein Ziel ist es, die Tätigkeit multinationaler Konzerne innerhalb des Gemeinsamen Marktes auf einheitlicher europäischer Grundlage für die Belegschaften transparenter zu machen. Für die internationale Gewerkschaftsbewegung wäre dies der erste konkrete Erfolg in dem vor einem Jahrzehnt begonnenen Kampf zur Einschränkung der Macht der Multis.

Auf seiner nächsten Plenar-Sitzung im Oktober will das Parlament seine Empfehlung dazu abgeben, ehe die EG-Kommission ihren Richtlinienvorschlag an den Ministerrat der Gemeinschaft zur Entscheidung weiterleitet.