Von Klaus Pokatzky

Ganz früher, da fuhren die Busse mit den Berlin-Touristen an die Mauer und das Brandenburger Tor. Dann kam die Zeit, wo, nach Christiane F., die Stricherszene am Bahnhof Zoo zum festen Programmpunkt der Urlauber aus Gelnhausen und Gelsenkirchen wurde. Und heute muß man als Reisender an die Spree einfach die besetzten Häuser gesehen haben. Manchmal führt das soweit, daß Besetzer sonntags morgens in aller Frühe aus dem Schlaf gerissen werden, weil sich in ihrem Hinterhof eine Horde Damen und Herren herumtreibt – in deutschem Freizeitlook und mit Kamera vor dem Bauch, um all die frechen Transparente, die bei den Besatzern aus den Fenstern hängen, für die Lieben daheim auf Zelluloid zu bannen.

Die Hausbesetzer sind aus dem Berlin-Bild nicht mehr wegzudenken; nicht nur bei den Touristen aus dem Westen. Auch der CDU-Senat, der ja überhaupt erst im Gefolge der Hausbesetzungen an die Macht kam, weiß, was er dem bunten und widersprüchlichen Völklein zu verdanken hat.

Die richtig Militanten unter den Besetzern halten die gutgeölte Polizei- und Justizmaschinerie in Gang; gelegentliche Straßenkämpfe wie am Mittwoch vergangener Woche machen es den beiden Rechtsaußen in der christdemokratischen Stadtregierung, Innensenator Heinrich Lummer und Justizsenator Rupert Scholz, leicht, neue Planstellen und mehr Geld zu verfangen.

Die prinzipiell Verhandlungsbereiten unter den Besetzern hingegen ermöglichen es Bürgermeister Richard von Weizsäcker und seinen liberalen Gefolgsleuten zu demonstrieren, daß die CDU auch ganz anders kann, als man sich das immer denkt.

Schließlich hatte es vor genau einem Jahr, nachdem am 22. September 1981 im Zuge eines Polizeieinsatzes der 18jährige Klaus-Jürgen Rattay von einem Bus totgeschleift worden war, eine ganze Weile so ausgesehen, als ob die Rechten in der Berliner CDU nun zum großen Gegenschlag ausholen und sich mit Massenräumungen die leidigen Hausbesetzer ein für allemal vom Halse schaffen wollten.

Die Stimmung in der Bevölkerung war damals durchaus danach. Starker Druck der evangelischen Kirche und ihres Landesbischofs Martin Kruse, der in jenen Wochen ebenso mutig wie entschieden in der Öffentlichkeit und in Gesprächen hinter den Kulissen für die Hausbesetzer eintrat, hatten es Weizsäcker erleichtert, seinen Lummer im Zaume zu halten. Gemeinsame Bemühungen von Alternativer Liste und Sozialdemokraten führten dazu, daß sich zunächst nur in Kreuzberg die Eigentümer der besetzten Häuser, zumeist große Wohnungsbaugesellschaften, mit weiteren Räumungsforderungen zurückhielten. In dieser Atmosphäre konnten sich Gespräche zwischen Besetzern und Besitzern zum Teil recht gut entwickein; in vielen Fällen haben die Verhandlungen um Nutzungs-, Miet- oder gar Kaufverträge bereits zu fertig ausgearbeiteten Verträgen geführt. Unterschrieben hat bisher aber noch kaum eine Besetzergruppe.