Von Michael Schwelien

Es begann mit einer simplen Rechnung: "Bei den knappen Mehrheitsverhältnissen zwischen Konservativen und Sozial-Liberalen ist es für die Linke auf die Dauer eine tödliche Gefahr," schrieb Peter Glotz Anfang 1979, "wenn 20 oder 30 Prozent einer ganzen Generation sich daran gewöhnen, ‚alternativ‘ oder gar nicht zu wählen."

Das war schon fast hellseherisch. 1979 setzte ein Erosionsprozeß im Jungwählerpotential der SPD ein, den sie bis heute nicht aufhalten konnte. In fünf Landtagswahlen stimmten seither – wie Glotz befürchtet hatte – jeweils rund ein Fünftel der Jungwähler grün oder alternativ (Siehe Tabellen auf Seite 35). Auch in Hessen war kurz nach der Schließung der Wahllokale am Sonntag klar: Hamburger Verhältnisse. Die Grünen erzielten ihren bisher größten Erfolg. Und ihre Wähler, das stand ebenfalls schon bald nach 18 Uhr fest, "sind überdurchschnittlich jung und überdurchschnittlich intelligent".

Selbst die CDU nahm diesmal Schaden durch das Verhalten der Jungwähler. Sie hatte zwar immer schon einen etwas geringeren Anteil an Jungwählerstimmen. Bislang hatte sie ihn aber halten und bisweilen sogar verbessern können. Vorausschauende Christdemokraten freilich begannen sich schon vor Jahren Sorgen zu machen, beobachteten sie doch auch bei ihrem Nachwuchs Aufgeschlossenheit für die Themen der Grünen und Alternativen.

Um die erahnte "tödliche Gefahr" abzuwenden, erfand Peter Glotz, damals Wissenschaftssenator in Berlin, heute Bundesgeschäftsführer der SPD, den "Dialog mit der Jugend".

Wer sich an das bombastisch aufgezogene Jahr des Dialogs – 1981 – erinnert, der muß sich allerdings wundern, wie kläglich alles anfing.

1977 war Glotz als erster Politiker von Rang wieder in die Universitäten gegangen, die seit den Tagen der 68er so etwas wie einen extraterritorialen Status genossen. Und er suchte das Gespräch mit Aussteigern. Doch Glotz bekam von Parteifreunden zu hören: "Kümmere dich nicht so viel um die spinnerten Alternativen, kümmere dich lieber um die Facharbeiter."