Heinz Galinski

Von Hans-Jakob Ginsburg

Das jüdische Gemeindehaus in der Berliner Fasanenstraße wird bewacht. Zwei bewaffnete Polizeibeamte sollen verhindern, daß sich Anschläge wie auf die Synagogen in Wien, Paris und Brüssel in Berlin wiederholen. Im Januar ist ein Kind in einem israelischen Restaurant in Berlin von einer explodierenden Bombe getötet worden. Von den Tätern weiß man bis heute nichts.

Der Weg ins Vorstandsbüro der Jüdischen Gemeinde führt an einem Aushang vorbei. "Die Jüdische Gemeinde im Spiegel der Presse" steht über dem Glaskasten mit zwei Zeitungsausschnitten: Proteste gegen antisemitische Vorfälle und Umtriebe der Neonazis, Zurückweisung aggressiver Verurteilungen des israelischen Feldzuges im Libanon, Furcht vor neuer Judenfeindschaft in Deutschland. Die Jüdische Gemeinde zu Berlin – das ist ihr Vorsitzender. Heinz Galinskis Name ist 61mal zu lesen. Neben dem Glaskasten wirbt ein Plakat für Spenden: "Israel kämpft um Sicherheit und Frieden, Erfülle Deine Pflicht..."

Galinski zeigt einen der vielen anonymen Briefe, die er in den letzten Wochen erhalten hat. Ein fiktives Gerichtsurteil: "Der Vorsitzende des I. Senats des Volksgerichtshofes" verkündet ihm das Todesurteil. "Begründung: Der Angeklagte ist Jude – also ein Schwein. Er hat den in der Anlage beigehefteten Artikel über sich veröffentlichen lassen."

Es handelt sich um eine Nacherzählung von Galinskis Lebensgeschichte aus der Berliner Morgenpost. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zählt in Berlin zur politischen Prominenz, und vor allem die Springer-Zeitungen berichten oft und gern über ihn. Galinski macht es der Presse nicht schwer. Er weiß, was er sagen will. Als ich später meine Gesprächsnotizen mit dem Morgenpost-Artikel vergleiche, finde ich Übereinstimmung bis in kleinste Formulierungen.

Wo heute die Polizei das Gemeindehaus schützt, brannte im November 1938 eine der großen Berliner Synagogen nieder. Vor dem brennenden Gotteshaus stand der damals 26jährige Heinz Galinski, gelernter Textilkaufmann aus dem westpreußischen Marienburg, der mit seinen Eltern vor dem dumpfen Antisemitismus der ostdeutschen Provinz in die Reichshauptstadt mit ihrer nach Hunderttausenden zählenden jüdischen Gemeinde ausgewichen war. Bis 1938 hatte Galinski an Auswanderung aus Deutschland nicht gedacht – das Einzelkind hatte Rücksicht auf die Eltern genommen; nach dem Novemberpogrom fanden die meisten in Hitlers Reich verbliebenen Juden kein Asylland mehr.