Da-da-da, die-da-da-die": Was sich heute wie der Text eines Schlagers der "neuen deutschen Welle" liest, war vor 25 Jahren die Weltsensation schlechthin: Deutlich vernehmbar vor einem Hintergrund aus kosmischen Sphärenklängen piepsten die Morsezeichen aus den Lautsprechern in die Wohnstuben der Welt.

"Am 4. Oktober 1957 wurde in der UdSSR der erste Satellit erfolgreich gestartet", meldete Radio Moskau mitten in der Nacht zum 5. Oktober. Danach folgten einige dürre Einzelheiten: "Sputnik" sei ein Beitrag der Sowjetunion zum Internationalen Geophysikalischen Jahr; der Satellit wiege 83,6 Kilogramm, habe einen Durchmesser von 58 Zentimetern und umkreise die Erde in 900 Kilometer Höhe innerhalb von 96 Minuten.

Wie turbulent es damals im total verblüfften Westen zuging, schildert der Bonner Weltraumforscher Professor Wolfgang Priester, der mit seinen Kollegen "schon vom 5. Oktober an" die Funksignale des Kunstmondes verfolgte. "Mit der Höhenangabe hat Radio Moskau die Welt geblufft", weiß Priester. Vor allem die Generäle der amerikanischen Luftwaffe waren schockiert: Sie glaubten, Moskau verfügte über einen Supertreibstoff für eine Trägerrakete. Wie sonst hätten die Sowjets ihren schweren Sputnik so hoch schießen können? Der erste "Vanguard"-Satellit, den die Vereinigten Staaten damals in eine Erdumlaufbahn schicken wollten, war nämlich nur so groß wie eine Pampelmuse und wog ganze drei Pfund.

Drei Tage nach der Erfolgsmeldung aus Moskau erschütterte eine Nachricht aus der englischen Universitätsstadt Cambridge erneut die Welt. Radioastronomen unter Leitung von Sir Martin Ryle hatten die Bahnhöhe des Satelliten gemessen. Sie lag bei gut 300 Kilometern. Daraus schlossen die britischen Forscher: Sputnik stürzt ab! Moskau dementierte energisch – und tatsächlich blieb der piepsende Kunstmond oben.

Eine Erklärung für die widersprüchlichen Angaben lieferten Priester und seine Kollegen von der Universitätssternwarte Bonn ein paar Tage später vor der Bundespressekonferenz: Sputnik stürzt nicht ab, sondern umrundet die Erde auf einer langgestreckten Ellipse. Der höchste Punkt der Bahn liegt bei 950, der erdnächste Punkt bei 250 Kilometern. Über England beträgt der Abstand gerade 300 Kilometer.

"Radio Moskau", erinnert sich Professor Priester, "hatte den erdnächsten Punkt schlicht und einfach nicht gemeldet." Stattdessen wollte der Kreml glauben machen, Sputnik bewege sich auf einer Kreisbahn in 900 Kilometer Höhe. Nach der Entdeckung der Bonner Forscher konnten Amerikas Raketenexperten wenigstens etwas aufatmen. Um Sputnik-1 auf die Ellipsenbahn zu schicken, brauchten die roten Raketen keinen Supertreibstoff.

Die Moskauer Forscher hatten die Welt fünf Tage lang an der Nase herumgeführt. Jeder Physikstudent", meinte Priester, "hatte ausrechnen können, daß ein Satellit in 900 Kilometer Höhe für eine Umkreisung etwa 103 und keine 96 Minuten braucht. Doch an diese Rechnung hat in der Aufregung niemand gedacht."