Börsen-Report

Nach der Landtagswahl in Hessen war es mit der Aufbruchstimmung in den deutschen Börsensälen vorbei. Am vergangenen Montag erlebte der Aktienmarkt einen Kurssturz wie seit Jahren nicht mehr. Zwar wurden die Folgen panikartiger Reaktionen am nächsten Tag bis etwa zur Hälfte wieder gelöscht. Geblieben ist aber eine ungewöhnliche Nervosität. Alle Anlageentscheidungen sind zunächst einmal zurückgestellt worden.

Mit besonderer Sorge blickten die Börsianer ins Ausland. Eine von dort kommende Verkaufswelle ist aber sowohl bei den Aktien als auch bei den Anleihen bisher ausgeblieben, wenngleich im Ausland mit gespannter Aufmerksamkeit die Verschiebung der politischen Gewichte in der Bundesrepublik verfolgt wird. Die Vorgänge in Bonn waren den Ausländern aber bisher nicht Grund genug, dem deutschen Kapitalmarkt ihr Vertrauen zu entziehen. Daß in einer Situation politischer Hochspannung wirtschaftliche Faktoren bei der Kursbildung am Aktienmarkt in den Hintergrund treten, ist selbstverständlich. Für negative Nachrichten blieben die Börsianer aber empfänglich, wie sich am Niedergang des VW-Kurses zeigte. Die in diesem Umfang von niemandem erwartete Gewinn-Schrumpfung beim Volkswagenwerk ließ den VW-Kurs in die Nähe seines bisherigen Jahrestiefstkurses zurückfallen, während sich die Daimler-Aktie nicht weit von ihrem Jahreshöchstkurs bewegt. Nirgends wird deutlicher als hier, wie sich in schwierigen Zeiten die Spreu vom Weizen trennt. Qualität ist auf dem deutschen Aktienmarkt nach wie vor Trumpf.

Obgleich die Siemens-Aktie im Zuge der politischen Ereignisse an "Phantasie" eingebüßt hat, blieb ihr Kurs – abgesehen von dem Kurssturz am Montag – bemerkenswert widerstandsfähig. Die Trendwende im Ertrag wird honoriert. In der deutschen Elektroindustrie werden die Starken aus der gegenwärtigen Konjunkturkrise gestärkt hervorgehen. Das trifft auch für die deutschen Philips-Unternehmen zu, die nach zwei verlustreichen Jahren jetzt zu einem ausgeglichenen Abschluß zu kommen hoffen.

Von den deutschen Philips-Unternehmen sind nur die Aktien der PKI (früher Felten & Guilleaume) handelbar. Ihr Kurs hat sich innerhalb kurzer Zeit verdoppelt; die jüngst vorgenommene Kapitalerhöhung warf an der Börse keine Probleme auf, obwohl es Kritiker gegeben hat, die den Ausgabekurs von 120 Mark für zu hoch hielten. 120 Mark ist übrigens der gleiche Preis, den die Allgemeine Deutsche Philips Industrie GmbH, Hamburg, für 70 Prozent des PKI-Kapitals an den holländischen Philips-Konzern gezahlt hat.

Die meist nur bescheidenen Umsätze auf dem Rentenmarkt lassen den Schluß zu, daß es bisher nicht zu einem Massenumsteigen von den "unsicheren" Aktien in die "sicheren" festverzinslichen Papiere gekommen ist. Dazu sind die Zinsperspektiven offenbar noch zu unklar. Die Anleger fürchten – und dies nicht ohne Grund daß jede Regierung einen erheblichen Teil der sich ständig ausweitenden Etatdefizite über eine Neuverschuldung decken wird. Das kann, so wird befürchtet, nicht ohne negative Auswirkungen auf die Zinsen bleiben. Deshalb ist die vom Zentralbankrat verfügte Senkung der Mindestreserven, die von den Kreditinstituten zinslos bei der Bundesbank zu unterhalner Wirkung vorweggenommen worden.

Der Normalsparer scheint nach wie vor der liquiden Anlage den Vorzug zu geben. Er kann sich offensichtlich an die gesunkenen Zinssätze nicht gewöhnen, Die Neigung, Dollar-Papiere zu erwerben, bei denen die Renditen beträchtlich höher sind als bei uns, hat angesichts des hohen Dollar-Kurses spürbar nachgelassen. Die politische Entwicklung in der Bundesrepublik kann aber jederzeit dazu führen, daß der Dollar-Kurs für Auslandsanlagen keine Hürde mehr sein wird. Dollar-Papiere erstklassiger Schuldner werfen zur Zeit Renditen ab, die zwischen 12,25 und 12,75 Prozent liegen. K.W.