Das "Internationale Geophysikalische Jahr" mobilisierte 60 000 Wissenschaftler, die ein neues Bild der Erde zeichneten

Von Horst Rademacher

Den Beweis malte Art Maxwell beim Frühstück in Mexico City mit ein paar Federstrichen auf seine Papierserviette. Gerade von der dritten Forschungsfahrt des Bohrschiffe "Glomar Challenger" zurückgekehrt, verblüffte der Geologe vom berühmten Ozeanographischen Institut in Woods Hole im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts seinen Kieler Kollegen Eugen Seibold mit einem sensationellen Befund.

Die "Glomar Challenger" hatte damals, im Jahr 1969, östlich von Brasilien im Atlantik gekreuzt und Proben vom Meeresboden beiderseits des mittelatlantischen Rückens erbohrt. Noch an Bord wies Maxwell mit zwei völlig unterschiedlichen Methoden nach, daß die Sedimentablagerungen am Meeresboden um so älter waren, je weiter sich das Schiff von dem Gebirgsrücken am Grund des Ozeans entfernte – und zwar nach beiden Seiten hin.

Was dies zu bedeuten hatte, illustrierte Maxwell mit zwei geraden Linien auf dem papierenen Mundtuch, die sich in einem Punkt – dem atlantischen Rücken – schnitten. Seibold, heute Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), erinnert sich noch genau, welches Aufsehen die Servietten-Kritzelei wenig später bei den seinerzeit in Mexiko tagenden Geologen erregte: "Maxwells Vortrag schlug wie eine Bombe ein. Er hatte den Beweis dafür geliefert, daß die Erdkruste in den Ozeanen wirklich auseinanderdriftet."

Maxwells Messungen sind längst fester Bestandteil der Plattentektonik, jener Theorie von der Bewegung der Erdkruste, die vor 25 Jahren noch völlig unbekannt war. Doch nicht nur die ruhelosen Kontinente prägen das neue Bild der Erde. Die Entdeckung der Magnetosphäre, des Sonnenwindes und der Vorgänge in der Hochatmosphäre machten die Geowissenschaften zu einem der aufregendsten Forschungszweige unserer Zeit.

Großen Anteil daran hatten weltweite Gemeinschaftsprogramme wie das Internationale Geophysikalische Jahr (IGJ), das vor genau 25 Jahren Wissenschaftler aus 26 Nationen für anderthalb Jahre in seinen Bann zog. Hugh Odishaw, Koordinator der amerikanischen IGJ-Aktivitäten, meinte damals, es sei die wichtigste friedliche Aktivität der Menschheit seit der Kopernikanischen Wende.