Von Julius H. Schoeps

Am 4. April 1933 erschien in der Jüdischen Rundschau" ein Aufsatz von Robert Weltsch: "Tragt ihn mit Stolz, den gelben Fleck!" Er forderte die deutschen Juden auf, sich zu ihrem Jude-Sein zu bekennen und Selbstbewußtsein gegenüber dem zunehmenden NS-Terror an den Tag zu legen. Es war ein Aufruf, der für ein ganzes Spektrum von Verhaltens- und Handlungsweisen steht, mit denen die Juden solidarisch auf die Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem darauf folgenden Ausschluß aus der deutschen Kultur reagierten. Die "Front des geistigen Widerstandes" (Herbert Freeden), wie die Ausdrucksformen der Selbstbehauptung genannt worden sind, ging von den Jugendbünden über die Schulen und Lehrhäuser, die jüdische Presse und Verlagsanstalten, durch die Vortragssäle und Umschichtungszentren, bis zum Jüdischen Kulturbund mit seinen Schauspiel- und Opernbühnen, seinen Konzerten und Kunstausstellungen.

Die verfügte "Arisierung" des deutschen Buchmarktes, die Ausschaltung von Verlegern und Buchhändlern jüdischer Abstammung hat so auch dazu geführt, daß nach 1933 eine eigenständige jüdische Buchproduktion entstanden ist. Sie wird in einer zweibändigen Untersuchung dokumentiert:

Volker Dahin: "Das jüdische Buch im Dritten Reich", Teil 1: "Die Ausschaltung der jüdischen Autoren, Verleger und Buchhändler", Teil 2: "Salman Schocken und sein Verlag", Buchhändler Vereinigung GmbH, Frankfurt a. M. 1979 u. 1982, 300 Sp. u. 916 Sp., DM 160,–.

Sie stellte den Versuch dar, dem Kultur- und Bildungsbedürfnis der in ihrem Assimilations- und Integrationsglauben Erschütterten Rechnung zu tragen. Nach amtlicher Statistik gab es im Sommer 1937 53 Buchhandlungen und 27 Verlage, die ausschließlich für ein jüdisches Publikum verkauften oder produzierten. Die Zahlen dürfen natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, daß Bücherproduktion und -verkauf nur unter schwierigsten Bedingungen überhaupt möglich waren. Autoren kamen auf den Index, Projekte konnten nur dann realisiert werden, wenn quasi eine Unbedenklichkeitserklärung der Behörden vorlag. Dahm weist in diesem Zusammenhang besonders auf das 1935 gebildete "Sonderreferat Hinkel" im Goebbelschen Propagandaministerium hin, ein mit Sonderkompetenzen zur Lösung der kulturellen "Judenfrage" ausgestattetes Referat, dessen Tätigkeit bisher kaum zur Kenntnis genommen worden ist.