Von Dietrich Strothmann

Viele Leser der Jerusalem Post schlagen frühmorgens zuerst die Seite mit den comics aus der spitzen Feder von Jaakov Kirschen auf. So auch diesmal, als sie in den Wortblasen aus der Unterhaltung zweier Landsleute dies lasen: "Wenn uns Terroristen von Syrien aus angriffen, gaben wir den Syrern die Schuld. Wenn sie vom Libanon kamen, machten wir die Libanesen dafür verantwortlich. Wenn sie von Jordanien kamen, die Jordanier. Wenn sie von Ägypten kamen, die Ägypter. Aber als wir die Mörder in die beiden Lager schickten, da hielten wir jedermann in der Welt für den wahren Schuldigen – nur nicht uns selber." Schwarzer Humor an einem für Israel schwarzen Tag.

Es gibt israelische Politiker, Professoren und Publizisten, die den Tag, an dem die Mitschuld der Regierung in Jerusalem und der bisher unanfechtbaren Armee in seinem ganzen Ausmaß bekannt wurde, für den schwärzesten Tag in der knapp 35jährigen Geschichte ihres Staates halten, "Rosch Hasenana 5743 (das Neujahrsfest nach dem jüdischen Kalender) ist zum Rosch Haschana der Scham geworden", stellte die Jerusalem Post unumwunden fest. Und zum Yom Kippur, dem jüdischen Bußtag, urteilte die Chefredakteurin des Davar, Hanna Zemer, ohne Umschweife: "Der Ministerpräsident mag an diesem Tag dreimal in die Synagoge gehen. Doch wenn es einen Gott gibt, dann wird er ihm seine Sünden nicht verge-Den."

Spätestens an diesem höchsten Feiertag der Juden war jedem bewußt, belegt durch zahlreiche Aussagen und Dokumente, daß Regierung und Armee die Mordbanden der christlichen Falange in die beiden palästinensischen Flüchtlingslager südlich Westbeiruts eingelassen, den Massenmord an den schätzungsweise zweitausend Unschuldigen geduldet und sogar gefördert hatten. Sie waren klar im Unrecht, als sie sich mit solchen Ausreden aus der blutigen Affäre zu ziehen suchten: "Christen morden Christen, die Juden aber hängt man" (Menachem Begin); "Ich frage mich, wo in der Vergangenheit diese erleuchtete, intelligente Welt geblieben ist, als Christen von Moslems massakriert wurden?" (Generalstabschef Rafael Eitan). Den Vogel aber hatte der Hauptverantwortliche für das eingeplante Gemetzel, Verteidigungsminister Ariel Scharon, während einer hitzigen Parlamentsdebatte gegen den Oppositionsführer Schimon Peres abgeschossen, als er ihm unterstellte: Bei dem Massaker der Falangisten in dem Beiruter Palästinenserlager Tel Zatar während des libanesischen Bürgerkrieges 1976 hätte die damalige Regierung auch ihre Hände im Spiel gehabt. Damals war Peres Verteidigungsminister gewesen,

Doch weder Menachem Begin noch Ariel Schar von vermochten dem anschwellenden, lautstarken Protest der Juden im eigenen Lande und – zum erstenmal – aus Amerika lange zu widerstehen; sie mußten sich zuletzt auch der Drohung einiger Kabinettsmitglieder fügen, die ihren Rücktritt angekündigt hatten, was zu Begins schmählichem Sturz geführt hätte: So gaben sie mürrisch dem Drängen nach Einsetzung einer staatlichen Untersuchungskommission nach, die alle Umstände und Verantwortlichkeiten ohne Ansehen der Person im Zusammenhang mit dem Massenmord prüfen soll, Wird danach Begin seinen Hut nehmen müssen oder nur sein Verteidigungsminister oder etwa doch bloß dessen Generalstabschef?