Von Carl Friedrich von Weizsäcker

Meine erste Erinnerung an Ludwig Raiser ist Musik, sein Cellospiel. Der großgewachsene, schlanke, seines Körpers mächtige, eher dunkelhaarige junge Jurist besuchte seit 1927 öfters mein Elternhaus in Berlin, um mit meiner Mutter zu musizieren. Unvergeßlich sind mir die Cellosonaten von Beethoven und Brahms. Und wenn ich ihm in späteren Jahrzehnten in vielerlei Gremien gegenübersaß, wenn seine männliche Stimme mit nie verlorenem schwäbischen Anklang nüchtern, knapp, zurückgenommen strittige Fragen an ihren Platz rückte, so hörte ich in diesem Klang immer auch den sicheren Strich, den vollen Ton seines Cellos mit. Man konnte seine humane Sachlichkeit sehr viel besser verstehen, wenn man die verborgene Musikalität aus ihr heraushörte.

In dem Lebenskreis, in dem ich mich bewegt habe, war Raiser der meistbeschäftigte Vorsitzende von Gremien, er war der mit weitem Abstand fähigste Chairman in der Bundesrepublik. Zwei Universitätsrektorate, in Göttingen und zwanzig Jahre später in Tübingen, Vorsitz in der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dann im Wissenschaftsrat, in der Kammer für öffentliche Verantwortung und in der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, zuletzt noch in der Europäischen Rektorenkonferenz – das sind die auffallendsten Beispiele.

Er hat sich um keines dieser Ämter gerissen, er hat unter ihnen geseufzt. Aber er war fähiger als andere, eine Geschäftsordnung so zu Ende zu führen, daß jede Stimme gehört und doch der Termin eingehalten wurde, oder ein Gremium, das zur Diskussion brennender Konflikte zusammengerufen war – eine Streithahn-Kommission –, zu allgemeinem Erstaunen mit einem positiven Ergebnis, einem produktiven Kompromiß abschließen zu lassen. Hinter dieser Fähigkeit aber stand nicht nur Humanität und vielfältiger Sachverstand, sondern auch harte gedankliche Arbeit an grundsätzlichen Fragen.

Als Leitwort seines Handelns kann man die von ihm gern benützte Formel verstehen: die politische Verantwortung des Nicht olitikers. Dies ist, in unserer Zeit, die Formel eines Demokraten. Jeder von uns begegnet im täglichen Leben Problemen, die in Wahrheit politisch sind. Er hat politische Verantwortung, das heißt zunächst: Er darf sich nicht darum drücken, die Probleme als politische zu erkennen. Er wird folglich schon im Alltag politisch verantwortlich handeln müssen. Wenn er zum politischen Denken und Handeln begabt ist, so werden ihn diese Probleme wachsend bedrängen. Nun steht er scheinbar vor der Entscheidung: Soll ich sie den Berufspolitikern überlassen, oder soll ich selbst Politiker werden? Die Raisersche Formel sagt: Keins von beiden.

Gewiß gibt es Politik als Beruf. Aber niemals werden die Berufspolitiker heilsam handeln können, wenn ihnen nicht der Chor der politisch verantwortlich denkenden und handelnden Nichtpolitiker zur Seite steht, ohne die in der Demokratie nichts durchzusetzen und nichts Neues anzufangen ist. In unserem gemeinsamen "Tübinger Memorandum", dessen Formulierung im wesentlichen von ihm stammt, steht: "Einem Politiker, der auf Wählerstimmen angewiesen ist, fällt es nicht leicht, der öffentlichen Meinung entgegen zu handeln. So können Lagen entstehen, in denen die Politiker darauf angewiesen sind, daß auch Staatsbürger, die selbst nicht im aktiven politischen Leben stehen, auf vordringliche politische Notwendigkeiten hinweisen."

Kaisers Berufsschicksal ließ ihn die Politik früh als Quelle von Unglück erfahren. Als zweiter Sohn eines erfolgreichen Versicherungskaufmanns entschied er sich, angezogen vom juristischen Studium, nicht für den naheliegenden Weg ins Versicherungsfach, sondern für die Wissenschaft, für das bürgerliche Recht, insbesondere das Handelsrecht. Das menschliche Motiv seines Interesses an der Juristerei drückte er später aus als die Absicht, "die Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Lebensverhältnisse und Vorgänge in der Gesellschaft auf rechtliche Kategorien zu reduzieren, um die Entscheidung von Konflikten zu ermöglichen". Das führte zum unvermeidlichen Zusammenstoß mit dem rechtsfeindlichen System des Nationalsozialismus. 1933 wurde ihm die akademische Laufbahn verschlossen. Als er 1945 an der Göttinger Universität zu lehren begann, war er hellwach im Bewußtsein, daß eine erneute Katastrophe politischer Rechtsverachtung vermieden werden müsse. Er wußte auch, daß dies nicht durch bloße Wiederherstellung alter Normen geschehen konnte, sondern durch ihre Erfüllung mit konkretem, neuem Leben. So kann man politisch verantwortlicher Nichtpolitiker werden.