Von Klaus Pokatzky

Als ich achtzehn war, war die hohe Zeit der Apo gerade vorbei, und mit der sozial-liberalen Koalition regierte schon zwei Jahre lang die Hoffnung auf bessere, freiere, gerechtere Zeiten. Wenn die 18jährigen heute – elf Jahre später – überhaupt noch politische Hoffnungen haben, dann verbinden sie sie meist mit den Grünen und Alternativen – mit einer Bewegung also, die nicht das Goldene Zeitalter verheißt, sondern angetreten ist, die Apokalypse zu verhüten.

Was ist das für eine Generation, bei deren Anblick die Älteren aus Politik und Publizistik ins Flattern und Schwitzen geraten? Wohl noch nie, seitdem Menschen angefangen haben, sich mit "Jugend" als sozialem und politischem Phänomen zu beschäftigen, schien die junge Generation so undurchsichtig und schillernd, so widersprüchlich und rätselhaft. Scheint sie es nur zu sein, oder ist sie es auch? Tragen wir "Berufsjugendliche" in den Medien nicht erst dazu bei, daß sich all die bunten, verschiedenen jugendlichen Untergruppen spektakulär entwickeln und auf dem Medienmarkt entfalten können? Saugen wir nicht "die" Jugend für unsere Zwecke aus, und schaffen wir erst jugendliche Subkulturen, wie etwa die Popper?

Ich bin kein Wissenschaftler, sondern Journalist; mein Bild "unserer Jugend" setzt sich nicht in erster Linie aus Statistiken, Zahlenerhebungen und Trends zusammen. Mein Bild von "unserer Jugend" rührt aus vielen einzelnen Begegnungen mit Jugendlichen her, über die ich geschrieben habe. Es ist also ein sehr persönliches Bild, nicht wissenschaftlich abgesichert, nicht immer minuziös begründet, oft aus dem Gefühl heraus entwickelt.

Gibt es heute überhaupt noch "Jugend"? Diese Phase zwischen Kindheit und Erwachsensein? Heute marschieren die Kinder stramm direkt ins Erwachsenendasein. Sie haben schon ganz früh teil an den materiellen und technischen Möglichkeiten der Erwachsenen, gewöhnen sich an sie, empfinden sie als Selbstverständlichkeiten, nach denen man gar nicht mehr streben muß. So wie ich als Zehnjähriger mit roten Ohren an meiner elektrischen Eisenbahn gespielt habe, so lässig und cool bedient heute mein zehnjähriger Neffe die elterliche Videoanlage. Und damit er nicht mehr die qualvolle Entscheidung treffen muß, ob er sich Samstagabends nun den Spielfilm im Dritten oder die Quiz-Sendung im Zweiten Programm ansehen soll, wird das eine eben geguckt und das andere gleichzeitig aufgezeichnet. Unter all den Dingen, die man gern haben möchte, diese Lektion lernen die Kleinen heute rasch, braucht man sich nicht mehr für eines zu entscheiden. Nach und nach kriegt man sowieso fast alles.

Das Sexuelle ist enttabuisiert. Die nackten Mädels auf den Illustrierten lachen jeden Sechsjährigen am Zeitungskiosk an. Das Geschlechtliche ist zugleich entmythologisiert worden und reduziert auf die "Technik". Das schließt Romantik im Herzen natürlich nicht aus, führt aber auch dazu, daß viele Zwanzigjährige heute wirklich schon fast alles hinter sich haben, von der Heterosexualität über die Promiskuität zur Bi- oder Homosexualität. Mit sexuellen Überraschungen, schwülstigen Tagträumen wartet diese Gesellschaft ihren Jungen nicht mehr auf – nur noch mit Peep-Shows.

Daß die Jugendlichen heute schon so früh an die Krippen der Alten dürfen, bezahlen sie teuer. Fast mehr noch als die, die voll im Berufsleben stehen, leiden sie unter dem Konkurrenzkampf mit den Gleichaltrigen: Ob es sich um Hauptschüler handelt, die einander die Lehrstellen wegnehmen, oder um Abiturienten, die sich gegenseitig die Studienplätze streitig machen, da gibt es keine Schonzeit mehr. Wie sehr einem die Altersgenossen im Wege stehen, hat heute beinahe jeder Sechzehnjährige verinnerlicht.