Ich wandere über den See. Schilfufer und leere Strände ziehen vorbei, Dörfer mit Zwiebelturmkirchlein und Jachthäfen wie tote Wälder. Es ist spät im Herbst. Ich wandere von Insel zu Insel, von Wirtshaus zu Wirtshaus und schleppe doch, falls ich je vor verschlossener Tür stünde, ein Netz mit Bierflaschen hinter mir her. Auch Wacholdergeräuchert’s habe ich dabei, Backsteinkäs’ und Bauernbrot. Wenn also, sagen wir, der "Fischer" am See" Ruhetag hatte, ginge ich zum Schloßpark mit den raschelnden Blättern hinüber und hockte mich zur Brotzeit auf die große Treppe in den letzten Herbstsonnenschein. Oder ich suchte mir ein Rastplätzchen auf der unbewohnten, winzigen Insel, die ein Krautgärtchen ist.

Ich zähle Maibäume und Berggipfel, trinke noch ein Gläschen vom mitgeführten süßen Klosterlikör und werde wohl bald in der Stimmung sein, den Fischen, Enten und Möwen zu predigen. Wenn ich mich der Länge nach auf den Rücken lege, sind auch die Berge verschwunden. Engel haben den Himmel angehaucht und mit seidigen Föhntüchern blankgerieben. Der Boden unter mir schwankt von Wellen gewiegt. Man muß wissen: Ich wandere mit dem Ruderboot über den Chiemsee.

Der See liegt den Alpen gleich einem großen blauen Tuch zu Füßen. Hinter den südlichen Ufern steigen die Chiemgauer Berge mit ihren glitzernden Schneekronen unmittelbar aus der Ebene auf, so, als würden plötzlich Donnerschläge die sanften Melodien der Schilflieder fortsetzen. Das heroische Panorama erschließt sich in seiner ganzen Dramatik von den nördlichen Uferpfaden, von der Ratzinger Höhe westlich von Prien und vom Weinberg bei Seeon – oder vom Ruderboot.

"Lass unsern Kahn nur treiben!" rief Victor von Scheffel in dichterischer Emphase dem Ruderknaben zu, angestrengt nach einem passenden Endreim suchend. Er kanntedie Kulisse mit Königsschloß und Klosterkirche als austauschbare Versatzstücke: Herrenchiemsee, Frauenchiemsee. Die Entfernungen zwischen den Inseln und zu den Ufern betragen nicht mehr als jeweils höchstens einen Kilometer. Die Bootswanderung durch den Archipel mit Besuch im Schloß, Klosterlikör und denkwürdigen Brotzeiten ist ein Tagesausflug.

Man kann den See aber auch kreuz und quer durchmessen oder entlang seiner Badestrände (15), Bootshäfen (39), Dampferanlegestellen (einschließlich der Inseln: elf) und unwegsamen Schilfgürteln umrunden. Der Chiemsee, größter bayerischer See (im Selbstverständnis der Chiemgauer: "Bayerisches Meer"), mißt 85 Quadratkilometer (etwa das Stadtgebiet von Mainz). Er ist von 68 Kilometern Ufer umgeben und wird von 24 Zuflüssen gespeist. Die Tiroler Ache schleppt ihm jährlich 150 000 Kubikmeter Geröll und Schutt ins gewaltige Gletscherbett. In 14 000 Jahren, wenn’s so weitergeht, wird’s ihn nicht mehr geben.

Die pausbäckige Marktgemeinde Prien ist Schauplatz der Lausbubenstreiche des Lateinschülers Ludwig Thoma. Die Mutter hatte nach dem Tod des Oberförsters den Gasthof "Kampenwand" gepachtet. Der See, die Ufer und Inseln waren das Ferienparadies mit all den lustigen, peinlichen und kuriosen Episoden, wie er sie dann in seinen Geschichten und Lebenserinnerungen aufgeschrieben hat. Etwa: Wie der Herr Kooperator am Kriegerdenkmal (70/71) dem Friedensengel vor der festlichen Enthüllung eine entblößte Brust hat wegfeilen lassen (was den Prienern bis auf den heutigen Tag den Spitznamen "Duttenfeiler" eingetragen hat); oder wie der Lausbub das Spielzeugschiff eines preußischen Musterknaben mit einer gewaltigen Pulverladung in die Seeschlacht schickt; oder wie er der verhaßten Tante Frieda den Papagei in die Luft sprengt ("Ich glaube, er hat sich furchtbar gewundert, wie es losgegangen ist").

Der See ist vom Licht glücklicher Kindheitserinnerung überglänzt – damals und immer. Ludwig Thoma: "Der Chiemsee! Wenn ich die Augen schließe, und, sei es, wo immer, Wasser an Schiffsplanken plätschern höre, erwacht in mir die Erinnerung an die Jugendzeit, an Stunden, die ich im Kahn verträumte, den See rundum und den Himmel über mir." Die Sorgen der Kampenwandwirtin wurden vom Westernacher Franz persönlich zerstreut, und der war eine Berühmtheit am See, eine Autorität. Er ruderte den König.