Die Bonner Krise wirkte sich auf die Kultusminister aus. Letzte Woche jedenfalls blickte Münchens Hans Maier (CSU) ganz erstaunt drein, als er die Konferenz der Kultusminister in München eröffnete. "Merkwürdig", sagte er mit Blick auf Bonn, "ausnahmsweise ist der Streit einmal nicht, wo die Kultusminister sind." Die Sitzung umschwebte ein Hauch von Abschiedsstimmung. War es bislang gängige Praxis, daß die sogenannten A-Länder (sozial-liberale) kräftig auf die B-Länder (Unionsregierte) einschlugen, oder umgekehrt die christlich-demokratischen Kultusminister ihre sozialdemokratischen Kollegen attackierten, herrschte Stille nach dem Sturm.

Hessens Kollmann (SPD) war gar nicht mehr selbst, erschienen; sein Staatssekretär Vilmar schaute müde drein: Sie sahen sich bereits am Ende ihrer Laufbahn. Und der Bonner Bildungsminister Björn Engholm ließ sich von einem traurigen Staatssekretär Hermann Granzow vertreten. Die legendäre Front der "A-Länder" existierte nicht mehr.

Was meinte da Hans Maier, als er seine Rede mit den Worten schloß: "Es wird bald wieder Themen für uns verbindende Auseinandersetzungen geben"? Ahnte er die Überraschung bei der hessischen Landtagswahl voraus? Weiß er mehr als andere über den noch ungewissen Ausgang beim geplanten konstruktiven Mißtrauensvotum in Bonn? Oder liegt schon in dem nächsten großen Thema der Kultusminister eine solche Sprengkraft, daß selbst eine überwiegend aus CDU/CSU-Ministern bestehende Runde in Streit geraten wird? Es geht um die 1,5 Millionen Studenten, die demnächst die Hochschulen bevölkern werden. Mit so vielen hat bisher niemand gerechnet. Jetzt wurde die Zahl erstmals als "realistisch" betrachtet. Was tun?

Als hätte es nicht in der Vergangenheit genügend Probleme mit Numerus clausus-Fächern gegeben, fiel den in München Versammelten wieder nur diese eine Lösung ein: Den "NC" für das Fach Jura, forderten die Vertreter Baden-Württembergs, Berlins, Hamburgs, Niedersachsens, des Saarlandes und Schleswig-Holsteins.

Nach den Regeln der Kultusministerkonferenz müssen nur drei Länder für die Einführung des Numerus clausus stimmen, dann ist er beschlossen. Es kam dennoch nicht dazu. In einer bisher wohl einmaligen Koalition sprachen sich Nordrhein-Westfalens Hans Schwier (SPD) und Hans Maier gegen seine rasche Einführung aus.

Keine Frage, das Fach Jura ist überlaufen, die Zahl der Jura-Studenten ist größer als die Zahl der Juristen im Staatsdienst. Aber: Jura ist neben der Betriebswirtschaft und der Volkswirtschaft eines der letzten attraktiven Fächer, zu denen der Zugang frei ist. Würde Jura gesperrt, dann müßte man morgen auch Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft schließen, so Schwier, weil den Studenten gar keine andere Wahl bliebe, als ihr Glück dort zu versuchen.

Wenig Verständnis für dieses Argument fand der Berliner Wissenschaftssenator Wilhelm Kewenig (CDU). Er sagte: "Die Hochschulen sind doch keine Wärmehallen" und meinte damit, daß es sich nicht lohne, Juristen auszubilden, die später ohnehin keine Arbeit fänden.