Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, Ende September

Am Ende gab es bei der Union nur eine Haltung: Schulterschluß mit der FDP zum Zwecke des Mißtrauensvotums gegen Helmut Schmidt, des Sesam-öffne-dich für die Rückkehr an die Macht. Manches Zähneknirschen war zu spüren, sogar Widerwille. Aber die bis zum Dienstag ausgehandelten Koalitionsvereinbarungen nahmen sich als brauchbare Grundlage aus, die Personalentscheidungen schienen auf einem annehmbaren Weg. Vor allem: Das Votum der freidemokratischen Fraktion verhieß eine ausreichende Plattform für den Kanzlersturz an diesem Freitag. Hinter der überwältigenden Aussicht, endlich wieder auf der Regierungsbank repräsentiert zu sein, verschwanden alle Zweifel und Differenzen.

Ohnehin waren Skepsis und Abneigung gegenüber dem künftigen Bündnispartner in dem Maße geschrumpft, in dem die Chance wuchs, mit der FDP, wie zerstritten, ja zerrüttet sie auch immer sei, zum Ziel zu kommen. Und paradox genug, gerade das Debakel, das die angehenden neuen Regierungspartner in Hessen erlitten, hat den Zusammenhalt befördert; in der schier ausweglosen Lage hieß es: Durchmarsch nach vorn, jetzt erst recht. Schon in der Wahlnacht hatte zum Beispiel CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, wenngleich mühsam um Worte ringend, die vom Einsturz bedrohte Brücke zur FDP zu festigen begonnen: gerade der Bonner Schwebezustand zwischen einer sozialdemokratischen Minderheitsregierung und einer noch nicht geschmiedeten christlich-liberalen Koalition, so seine Brückenstrebe, habe das hessische Desaster heraufbeschworen.

In solcher Lage haben es in der CDU alle schwer, die grundsätzliche Bedenken gegen das Bündnis hegen. Seien die künftigen Koalitionspartner, so fragen sie, von den hessischen Wählern denn nicht zur Rechenschaft gezogen worden? Hätten die Stimmbürger dort kein eindeutiges Votum über das Ziel und vor allem die Winkelzüge des in Bonn ins Werk gesetzten Wechsels gefällt? Was solche Zweifler schreckt, ist der Verlust an Glaubwürdigkeit und Vertrauen, von dem sie die Union bedroht sehen – weit über den Tag hinaus.

Ihre Konsequenz deckt sich mit der, die Franz Josef Strauß und Helmut Schmidt gezogen haben: Neuwahlen sofort. Aber ihre Skrupel können sie, zumindest im Augenblick, nur im stillen Kämmerlein pflegen; bei der ganz überwältigenden Mehrheit der Unionsfraktion würden sie auf völliges Unverständnis stoßen. Wiederum ist es das hessische Wahlergebnis, das sie zu Außenseitern macht: Weil es die Chance für eine absolute Mehrheit, die sich die Union bisher ausrechnete, kräftig relativiert hat, schwindet die Neigung zu Neuwahlen von Tag zu Tag.

Nicht wenige in der Union prophezeien sogar schon drastisch, wer noch an Neuwahlen am 6. März des nächsten Jahres glaube, sei ein reiner Tor. Selbst jene im christlich-demokratischen Teil der Unionsfraktion, die als verlängerter Arm von Strauß agierten, die "Stahlhelm"-Leute, wie sie genannt werden, zeigen sich über die Neuwahl-Forderungen und andere quertreiberischen Manöver ihres Vorbilds heftig verstimmt: Solche Sondertouren könnten doch nur die Rückkehr an die Macht vermasseln. Und schließlich: Gegen das Argument, daß die Union für eine Machtausübung auf Dauer wohl oder übel die Freien Demokraten brauchen werde, kommen alle Skeptiker schwer an.