Von Manfred Berger,

Will man die Ursachen für den überraschenden Ausgang der Landtagswahl in Hessen auf eine Kurzform bringen, so muß man feststellen: Der beabsichtigte Koalitionswechsel in Hessen war Ursache für eine Abkehr sozial-liberaler Wähler von der FDP. Verstärkt wurde diese Bewegung durch die Bonner Ereignisse der letzten zehn Tage vor der Wahl, deren Ursache unter anderem der Wechsel in Hessen und deren unmittelbare Auslösung der Termin der Hessenwahl war. Die Bonner Ereignisse führten zu einer starken Mobilisierung der Wähler zugunsten der SPD, die ihr die Stimme von Sympathisanten brachte, die eigentlich nicht zur Wahl hatten gehen wollen, und Stimmen, die eigentlich für die Grünen vorgesehen waren. Für die Wahlforscher war dies eine Ausnahmewahl. Wir gehen davon aus, daß in der Regel Wahlverhalten für den Großteil der Wähler weit im voraus bestimmt ist. Wir haben selten eine Situation, in der die Ereignisse vor einer Wahl sich so überstürzen und so große Veränderungen kurz vor der Wahl eintreten.

Die Entscheidung der FDP, die Koalition zu wechseln, wurde bei den Wählern in Hessen nicht akzeptiert. In einer Umfrage, die wir in der Woche vor der Wahl bei 1008 Wahlberechtigten in Hessen durchgeführt haben, zeigte sich, daß 61 Prozent aller Wähler diese Entscheidung der FDP-Spitze nicht gut fanden. Dies waren nicht nur enttäuschte Wähler der früheren sozial-liberalen Koalition; auch in den Reihen des in Aussicht genommenen neuen Koalitionspartners CDU war diese Meinung bei fast einem Drittel der Wähler vertreten. Und selbst bei den wenigen Treuen, die der FDP bei der Wahl noch die Stange hielten, waren 38 Prozent der Meinung, daß diese Entscheidung nicht gut war.

Sehr viel anders hatte es noch im Mai dieses Jahres ausgesehen, als die FDP auf Grund einer Umfrage erwarten konnte, sicher in den Landtag einzuziehen. Ihre Anhänger von damals hatten jedoch eine deutliche Koalitionspräferenz für die SPD. 77 Prozent waren für eine Erneuerung der sozial-liberalen Koalition in Wiesbaden, nur 23 Prozent für eine Koalition mit den Christdemokraten. Die Parteispitze hat sich am 17. Juni anders entschieden. Die Wähler sind ihr nicht gefolgt. Offensichtlich war sich die Partei über das Ausmaß und die Stabilität einer sozial-liberalen Neigung ihrer Wähler nicht im klaren. Wählerbasis und Parteielite waren hier nicht in Übereinstimmung.

Der durch die Bonner Ereignisse stark emotionalisierte Wahlkampf hat in der Woche vor der Wahl zu einer Mobilisierung der Wähler geführt, die über das sonst beobachtete Maß hinausgeht, In dieser Phase gelang es der SPD, ihre potentielle Wählerschaft hinter sich zu bringen. Die Umfrageergebnisse zeigen einen deutlichen Sprung der SPD nach oben und gleichzeitig die geringste Unsicherheit ihrer Wähler. Zwar hat die Wahlbeteiligung in Hessen gegenüber der Wahl vor vier Jahren geringfügig abgenommen, doch mußte vor den Ereignissen in Bonn eine sehr viel niedrigere Wahlbeteiligung angenommen werden. Die Steigerung seit dieser Zeit hat sich zugunsten der SPD ausgewirkt. Auch gibt es Hinweise, daß Sympathisanten der Grünen sich letztlich doch für die SPD entschieden haben. Etwa jeder fünfte Wähler der Grünen war noch unsicher, ob er bei seiner Entscheidung bleiben wird, und der allergrößte Teil dieser Wähler beabsichtigte, eventuell die SPD zu wählen. Wir können annehmen, daß ein nicht unerheblicher Teil von Sympathisanten der Grünen letztlich Unter dem Eindruck der Ereignisse in Bonn zu ihrer früheren politischen Heimat, der SPD, für diese Wahl zurückgekehrt ist.

Insgesamt hat die SPD trotzdem in erheblichem Umfang Wähler an die Grünen verloren. Direkt und vor allem indirekt. Indirekt dadurch, daß sie bei Jungwählern, die sie in früheren Zeiten mehrheitlich für sich gewinnen konnte, an Boden verloren hat. Während die SPD noch 1978 50 Prozent der Wähler unter 25 Jahren auf sich ziehen konnte, und nur etwa 6 Prozent der Jungwähler durch die damaligen beiden grünen Parteien gewonnen wurden, haben bei dieser Wahl etwa 25 Prozent der jungen Wähler die Grünen gewählt, worunter die SPD am stärksten leidet. Auch unter den Wählern zwischen 25 und 30 Jahren erreichen die Grünen fast noch gleich hohe Parteianteile. Das sind insgesamt zwei Drittel ihrer Wählerschaft. Jung, politisch interessiert, hochgebildet und informiert stellt sich die Wählerschaft der Grünen dar. Sie orientiert sich am stärksten an den strittigen ökologischen Problemen in Hessen und den Fragen der Friedenssicherung. Sie hat dabei eine geschlossenere Haltung als die Wähler der etablierten Parteien, die in diesen Fragen: durchaus unterschiedliche Meinungen vertreten.

Daß die Grünen ins hessische Parlament einziehen würden, war für die Hessen keine Überraschung mehr. 80 Prozent haben diesen Wahlerfolg der Grünen erwartet. Daß die Grünen als politische Kraft immer größere Anerkennung finden, zeigt ein Umfrageergebnis, nach dem 45 Prozent aller Wähler in Hessen es gut finden, wenn die Grünen in den Landtag gewählt werden. Fast drei Viertel der bis 30jährigen möchten die Grünen im Landtag haben und noch die Hälfte der bis 40jährigen. In den höheren Altersgruppen nehmen die Sympathien ab, aber selbst bei den über 60jährigen sind es noch 30 Prozent, die die Grünen gern im Landtag sehen wollen.