Essen

Särge, Leichen, Grüften – was sonst nur in hastig heruntergekurbelten Gruselfilmen eine Rolle spielt, ist in Essen derzeit Gegenstand staatsanwaltlichen Interesses. Ein Fall mit Anspruch auf Einmaligkeit, wie Staatsanwalt Wolfgang Reinicke bereits festgestellt hat. Und so wird auch seine nächste Amtshandlung kaum mehr überraschen, wenn er zum Zwecke der Wahrheitsfindung in eine Urne blickt

Begonnen hat alles am 11. Juni im Krematorium eines Friedhofs in Essen-Steele. Im Hause herrschte Betrieb, etwas mehr als sonst, wie sich Zeugen heute erinnern. Ansonsten nur Routine. Auch als so gegen 10 Uhr ein bis heute unbekannten Mann mit einem Leichenwagen vorfuhr und einen Sarg entlud. "Masuch heißt er", soll er noch gerufen haben, bevor er wieder verschwand. Da alle obligatorischen Papiere fehlten, notierte man den Namen auf einer sogenannten Sargkarte.

Wenige Stunden später fuhr wieder ein Leichen-, wagen vor. Wieder wurde ein Toter entladen. Diesmal fehlten die Papiere nicht. Sie wiesen den Toten als einen Mann namens "Langner" aus. Die Voraussetzungen für die Einäscherung schienen erfüllt, denn, wie Amtsleiter vom Grünflächenamt kathegorisch erklärt: "Ohne Papiere wird bei uns keiner verbrannt."

Die Dinge nahmen ihren Lauf. Dem letzten Willen entsprechend wurde "Langner" eingeäschert und seine Urne später auf einem Friedhof in Wilhelmshaven beigesetzt.

Derweil warteten die Essener Krematoriumsangestellten auf weitere Nachrichten zu ihrem "Masuch", die nachzureichen der unbekannte Leichenwagenfahrer versprochen hatte. Es blieb jedoch bei diesem Versprechen. Und allmählich machte sich Ratlosigkeit breit angesichts des Sarges, der tagelang im sogenannten Warteraum stand.

Schließlich wurden Polizei und Staatsanwaltschaft eingeschaltet. "Masuch" wurde im gerichtsmedizinischen Institut untersucht und als "unbekannter Toter" auf einem Essener Friedhof bestattet.