Wackelohren und Morgenstern, Schwinds Katzensinfonie und ein Text von Hugo Ball, das schwebende Schloß von Magritte und ein stark vergrößertes Hinterbein der Feldheuschrecke, dieses alles findet sich in einer höchst ungewöhnlichen Sammlung von Bernd Bexte –

Bernd Bexte (Hrsg.): "1002 Bilder, Bildergeschichten, Rätsel, Fotos, Gedanken, Zahlen, Hasen, Elefanten, Gedichte und Geschichten für Kinder von 2001"; Verlag 2001, Frankfurt; 1002 S., 20,– DM.

Weder sauertöpfische Belehrung noch literarischer Puppenkram wie im altvaterischen Kinderalmanach, auch nicht der grellbunte Quatsch und Klamauk aus einer Vielzahl moderner Anthologien und Magazine, in denen zähklebrig und hartnäckig Frohsinn gefeiert wird (hinter dem zuletzt dann doch die müde alte Tante Fabula hervorkommt, die Kind und Witz pädagogisch schaperonieren soll). Nein, nichts davon. Was an Zubereitungen literarischer Sammlung für Kinder oft so verdrossen macht, ist die übergeschnappte Lustigkeit, das angestrengte Geblödel, aufgemöbelte Graphik, die talmihafte Phantastik. Da starten Blaumeisen vom Cape Kennedv zu einem Weltraumflug, oder ein thüringischer Kartoffelkäfer will auf die Fidschi-Inseln. Wie sagte Schnurre von dieser Art hohlen Zauberns: "Die schreiben, wie se denken, daß wir denken, wie wir wolln, daß se schreiben."

Die artifizielle Heiterkeit kommt in Bestes Bilderbuch nicht vor. Daß Wirklichkeit Satire übertreffen kann, zeigt er Kindern gleich auf Seite 1. "Liebe Kinder" steht dort in fetten Buchstaben, und dann folgen sechzehn Zeilen Zitat aus der Festrede von Franz Joseph Strauß zur Eröffnung der Münchner Pinakothek: sechzehn Zeilen, prall gefüllt mit den Formalien der Begrüßung. Kann man Kindern kürzer deutlich machen, daß Menschen nicht einfach Menschen sind, sondern gesellschaftlich zutiefst unterschiedliche Wert-Geschöpfe, nämlich: Durchlauchten, Exzellenzen, königliche Hoheiten, Senatoren, Minister, Landesbischöfe, Vorsitzende, Doyens oder schlichte "sehr verehrte Festgäste"?

Und ein paar Seiten weiter demonstriert Jan Luyken auf einer Radiertafel aus dem Jahre 1682 die verblüffenden phänotypischen Verwandtschaften zwischen Mensch und Tier: Eselsköpfe, Katzengesichter, Löwen-Look und Schafsblicke. Auch die Verwandlung des Froschkönigs und zurück wird überzeugend vorgeführt.

Th. Th. Heines Mopsiade steht neben der Photographie eines Skarabäus-Käfers, eine Stadtansicnt von New York neben dem Porträt eines Komantschen-Häuptlings. Außerdem kann der Leser lernen, wie man eine Wette mit der schwimmenden Stahlnadel gewinnt, wie Ignatz Schroppe sich 1903 ein mechanisches Pferd vorstellte, warum man einen bräunlichen Farbton nach der spanischen Prinzessin Isabel benennt oder wie sich der Girgelbauer sein Sacktüchel hergerichtet hat.

Das dicke Buch ist eine wahrhaftige Wundertüte; sie versammelt Schönheit, Schrecken, Wunder und Witz. Neben Heiterem die Trauer, neben Ulk der blanke Hohn. ("Wissen ist Macht" steht unter Gulbranssons pädagogischer Schreckensfigur, die den Zuchtbesen hinterm Rücken versteckt.) Und immer wieder: neben Jux auch Informationen, literarische Miniaturen, Historisches, Naturkunde.