Bei der Beurteilung eines Gedichtes von Gawriil Dershawin, des "größten lyrischen Dichters seit Puschkin", wird erklärt, was ein Dichter sei: "Vermittler zwischen Mensch und Gott". Die Platzanweisung ist ehrenvoll. Bei der Klassifizierung jener Lyriker des 20. Jahrhunderts, die sich mit der Gesellschaft überworfen haben, die ausgestoßen, eingesperrt, ermordet wurden oder Selbstmord begingen (genannt werden hier: Gumiljow, Mandelstam, Kljujew, Kornilow, Majakowskij, Jessenin, Sobolotzkij, Anna Achmatowa, Pasternak), fragt der Herausgeber: "Das Verbot des poetischen Wortes, das Gleichsetzen des Gedichts mit einem politischen Verbrechen, ja sogar mit Terrorismus, ist das nicht die höchste Einschätzung der Poesie, die – man sich vorstellen kann?" Wir lesen dies in dem Band

"Russische Lyrik, Gedichte aus drei Jahrhunderten", ausgewählt und eingeleitet von Efim Etkind; Piper Verlag, München, 1981; 576 S., 58,– DM.

Hier sind zwei Pole – wir lesen dies in dem Band – Gottesnähe und Rebellion –, die es einleuchtend machen, daß ein Lyriker in unserer Gesellschaft nicht als "quantité négligeable" angesehen werden kann. Wenigstens nicht in Rußland. Der Dichter ist ein Provokateur. Er fordert nicht nur zu Auftritten in der "vita activa", sondern auch zu Entschlüssen in der "vita contemplativa" auf: Er verlockt uns zuweilen auf die taktvollste und zugleich sanfteste Art, human und (gewiß, es ist waghalsig, das Wort auszusprechen) edelmütig zu sein. Gedichte sind keine Spielereien.

In Rußland, wo es "diese stets lebendige Wechselwirkung von Volksdichtung und Kunstlyrik" gibt, ist die Sprache das ungemein ergiebige Bauelement des Dichters. Die russische Sprache ist vielseitig und vielschichtig, zart, lieblich, geschmeidig, federnd, schillernd, human – oder auch unflätig und grob: strotzend vor Lebendigkeit.

Etkind zitiert Michail Lomonossow, den großen Gelehrten und Schriftsteller des 18. Jahrhunderts, der über die russische Muttersprache verkündet: Sie "besitzt die Erhabenheit der spanischen, den Witz der französischen, die Härte der deutschen, die Zärtlichkeit der italienischen und außerdem noch den Reichtum und die bildhafte Kürze der griechischen und lateinischen Sprache". Sehr hoch gegriffen.

Die Kenntnis russischer Lyrik ist bei uns kümmerlich. Michail Lermontow, ein wundervoller Dichter, als Lyriker größer als Puschkin, ist vielen Deutschen unbekannt. "Das poetische Wort", sagt Lew Kopelew, "verbindet Menschen und Völker: Es baut Brücken zwischen den Toten und den Lebenden." Aber die Brücken zwischen den toten oder lebenden russischen Lyrikern und uns zeitgenössischen Deutschen zeigen vielfach schadhafte Pfeiler. Etkind verweist auf eine vertrackte Situation: "Manchmal finden sich glänzende Übersetzungen schwächerer Gedichte, die schwachen Übersetzungen berühmter Gedichte vorzuziehen sind."

Hier das Beispiel einer glänzenden Übersetzung eines Gedichtes, die alles andere als "schwächer" ist. Rainer Maria Rilke übersetzt das Gedicht "Strophen" von Lermontow (1814-1841):