Die Sagen um Artus und den Zauberer Merlin scheinen alles andere als eine empfehlenswerte Jugendlektüre zu sein: Da zeugt der Teufel selbst ein Kind mit einer Königstochter. Da schleicht sich einer in geliehener Gestalt ins eheliche Schlafgemach des Herzogs Gorloise, damit Britannien zu einem guten König kommt. Da wird der Bruder von semer Halbschwester verführt. Ereignisse, die jene aus aktuellen Pop-Balladen an Skandalträchtigkeit übertreffen, bilden die Episoden zum Artus-Motiv – über Jahrhunderte hinweg Vorlage für große Werke europäischer Literatur.

Als literarische Archetypen haben sie bis in die Gegenwart große Autoren fasziniert: Terence Hanbury White in seiner Roman-Tetralogie "Der König auf Camelot" und "Das Buch Merlin" oder Tankred Dom mit seinen Theaterstücken.

Wer heute eine der Ur-Geschichten westeuropäischer Fantasy jungen Lesern nahebringen will, hat die Auswahl zwischen folgenden Büchern:

Thomas Malory: "König Artus – Die Geschichte von König Artus und den Rittern seiner Tafelrunde", übertragen von Helmut Findeisen auf der Grundlage der Lachmannschen Übersetzung, mit einem Nachwort von Walter Martin, Illustrationen von Aubrey Beardsley; 3 Bände, Insel Taschenbuch, Insel Verlag, Frankfurt; 1059 S., 27,– DM

Mary Stewart: "Merlins Abschied", übersetzt von Karl Otto und Friderike von Cernicki; Albrecht Knaus Verlag, Hamburg; 584 S., 36- DM

Rosemary Sutcliff: "Merlin und Artus – Wie die Ritter von der Tafelrunde sich zusammenfinden", übersetzt von Thomas Meyer; Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart; 294 S., 24,–DM.

Vielleicht ist es unfair, drei unter so grundverschiedenen Absichten entstandene Bearbeitungen eines Stoffes zu vergleichen. Hier geschieht es im Hinblick auf die Verwendbarkeit dieser Bücher ab Lektüre für junge Leute. Einem Gymnasiasten der dreizehnten Klasse etwa, der sich für Fantasy begeistert, ist unbedingt zu Malory zu raten. Das Nachwort beschreibt klar und bündig Malorys abenteuerliches Leben im fünfzehnten Jahrhundert und die Tradierungsgeschichte des Stoffes. Auf Malorys Version trifft jener Satz zu, der vom "Jahrhunderte währenden Entzücken der poesiefreudigen Welt Europas über diese Geschichten" spricht. Würde und Wunder dieser Sagen, ihre Ornamentik, die sie zu einem bewußt gewordenen Traum der Menschen im ritterlichen Zeitalter werden läßt: All das in einer schier endlos dahinfließenden Geschichte wird man bei Malory erleben. Wer breite, weit verzweigte Geschichten mag, der sollte Artus und Merlin über Sir Thomas Malory kennenlernen.