Von Jochen Hieber

Gewonnen hatte, wer das längste Wort erfand. Klavierlehrerdauerferienzeltlagerbusabfahrt hieß der mittlere Bandwurm, der meine Wünsche barg. Eine Kaugummiblasenaufblaspumpenpistole wurde erfunden und, eher konventionell nach Art der Erwachsenen, die Donaudampfschiffahrtsgesellschaft. Eine Zeitlang haben wir dem Spiel mit Eifer gefrönt. Aber wie das bei Elf- und Zwölfjährigen zu gehen pflegt: die Wortzusammensetzungsnachmittage gerieten in Vergessenheit und von dort in eine der Hinterstuben des Erinnerns.

Daraus befreit hat sie erst viele Jahre später der Schriftsteller Gert Jonke. Seither gilt die erste Neugier nicht den Figuren seiner Bücher und nicht den Geschichten, die sie erzählen, nicht den verspielten Grübeleien über die (Un-)Möglichkeiten des Schreibens und nicht den gepflegten Manierismen um Lebenssuche und Liebestod – was ich zunächst und voller Ungeduld erwarte, sind die Fortsetzungslieferungen fürs imaginäre Privatlexikon jener Ketten- und Synthesewörter, die im idealen Falle wirklich endlos wären. Und in dem neuen Buch des Autors wird solche Erwartung in bisher noch nicht erreichtem Maße auch erfüllt. Vergleichsweise verhalten beginnt’s auf Seite 7 mit den "Schornsteinzipfelmützen", den "furchengeschlitzten Dämmerungsspringfluten" und den "Kohlensacknebelquallen". Sieben Seiten weiter sind wir schon beim "Traumkatastrophenschutthaldengebirge". Über zahllose weitere, sicherlich geläufigkeitsgeschulte und trotzdem stets überraschende Wortadditionen kommen wir zu den "Gedankenspiegelweltkabinetten" (95), zur "Geschichtsstiegenhausreinigungsbeschreibung" (134), zur "Wirklichkeitserzeugungsschlagzeugmaschine" (145). Bewegende Energie unter all diesen Kombinationskaskaden ist jenes "Gehirnkäfigesprengungsbedürfnis", das unbewußt schon Pate stand beim Kinderspiel, und das man verdrängte mit ihm.

Das hartnäckige, gegebenenfalls mit dem Beiwort "irre" zu schmückende Bedürfnis, den Käfig im eigenen Kopf zu sprengen – auch deshalb kann Burgmüller, der im vorletzten Buch ("Der ferne Klang", 1979) noch anonyme, jetzt also mit Namen ausgestattete Komponist, längst nicht mehr so arbeiten, wie es sich gehört: mit Note, Tonart und Takt. Seinem selbstgewählten und meist im Theoretischen verbleibenden Tätigkeitsfeld ordnet er, Verlegenheit mehr denn Euphorie, die Berufsbezeichnung "akustischer Raumgestalter" bei. Und als solcher beschäftigt er sich diesmal mit Studien über die Stille "nach und zwischen den gespielten Stücken", vor allem aber mit einer phänomenalen "Vogelschwarmkurve", die mittels Zuruf zu dirigieren ihm allerdings nur dann so recht gelingen will, wenn Zuschauer und Zuhörer nicht in seiner Nähe weilen. Ansonsten schöpft er, immer noch beruflich gesehen, einzig aus dem Arsenal seiner zu verallgemeinernden Privaterfahrungen: Er hält Vorlesungen über Traum und Schlaf, mühelos bewältigt er hier zugleich das praktische Experiment. Stunden-, tage-, nächte-, wochen- und monatelang schlägt er auf diese Weise ein erstaunt-fasziniertes Auditorium in seinen Bann.

Dieses freilich ist ungewöhnlich genug: Es besteht ausschließlich aus Karyatiden und Telamonen.

Wie bitte? Ja, richtig, die Säulenfiguren des Altertums, die kunstvoll in faltenreiche Gewänder gehüllten Steinträger von Vorhalle und Gebälk lauschen seiner Rede, bestaunen seine Demonstration. Stumme Zeugen der menschlichen Geschichte durch die Jahrhunderte hindurch, hat Langeweile sie befallen; Burgmüllers Lektionen endlich scheinen sie aus ihrem ewigen Wachsein zu wecken, zu wecken für die Erquickung durch Traum und Schlaf.

Welch paradoxe und poetische, welch schöne und verstörende Vorstellung – die Karyatiden als Jakobiner im Aufstand der Sachen und Dinge; die Telamonen als Anführer im Schlafkrieg gegen das Menschenwerk; das Prinzip Ruhe als Initial einer großen Bewegung jenseits des hektischen, leerlaufenden und also erstarrten Betriebs, in den die Nachfahren des Prometheus trotz oder wegen ihrer zahllosen eigenen Revolutionen geraten sind.