Mathilde Franziska Anneke ist in Deutschland nicht bekannt. Die Schriftstellerin, Journalistin und Pädagogin (1817-1884), war eben nur ihr halbes Leben lang in unserem Land, in dem in dieser Zeit nicht nur freiheitliche und demokratische Ideen und Bewegungen unterdrückt wurden, sondern auch die Frauen. Mathilde Anneke ließ sich nicht unterdrücken. In ihrem bemerkenswerten und reichen Leben, dessen zweite Hälfte sie in Amerika verbrachte, hatten ihr Mut, ihre Begabung, ihr kämpferisches Temperament große politische Wirkung.

Das Ungewöhnliche dieses Frauenlebens wird deutlich in einem fast unscheinbaren Büchlein, das indessen lebhafte Förderung verdient –

Mathilde Franziska Anneke: "Mutterland – Memoiren einer Frau aus dem badisch-pfälzischen Feldzuge 1848/49"; tende Verlag, Münster, 1982; 144 S., 16,80 DM.

Das Buch ist fast eine aus Einzelteilen zusammengesetzte Biographie der Mathilde Franziska Anneke, nicht nur eine literarische Miniatur aus der demokratischen badischen Revolution von 1848/49, die sich so spät zum Kampf erhob und die gegen die überlegenen preußischen Truppen nicht den Hauch einer Chance hatte. Die historische Quelle aus der badischen Provinz, die seltsame, manchmal amüsante, manchmal beklemmende Schilderung einer Frau, die Mitte des 19. Jahrhunderts quasi als Soldat, als Ordonnanz und berittene Kurierin ihres Mannes an einem Feldzug teilnahm, ist nicht dicht und nicht übersichtlich genug geschrieben, um detaillierten Aufschluß über diesen tragischen Freiheitskampf zu geben.

Doch etwas anderes zeigt die Darstellung der revolutionären Frau, die ursprünglich ihren Mann nur besuchen wollte: die freiheitliche, begeisterte Stimmung zu Beginn, das ungebrochene Pathos des Jahrhunderts, die denkwürdige Lage einer Frau zwischen Schrapnells und Kanonenkugeln der Artillerie, ihr Entsetzen über Tod und Verderben des Krieges und schließlich die verzweifelte Resignation nach Niederlage und Flucht. Erst 1853 veröffentlichte Anneke ihren Bericht, damals Bürgerin von Newark, im Selbstverlag.

Zuerst: "Unsere Pfälzer-Artillerie hatte ... hier halt gemacht und sich geschmückt mit frischen, grünen Eichenkränzen, auf denen der Thau des Hoffnungsmorgens noch glänzte. Als ich weiter durch die Reihen unserer Krieger kam, sah ich, wie junge rosige Mägdlein unter ihren Schindeldächern hervortraten und den Burschen die Laubguirlanden um ihre Hüte schlangen, es geschah dieses mit so bedeutungsvoller Miene, daß ich fest überzeugt sein kann, dies sinnige Walten verfehlte den Eindruck auf die jungen Kriegerherzen nicht ... Ihr Soldknechte Preußens! seid ihr auf eurem blutigen Zug wohl jemals von der Hand einer einzigen Jungfrau geschmückt worden? Beim Lenz unserer Freiheit! Ihr seid es nicht!"

Und später: "Ich versuchte, durch die Reserven zu dringen und in die Kämpferreihen zu kommen ... Ha, das Kriegshandwerk! es schauderte mir mit seinen Entsetzen durch die Seele! Gesegnet, jenes Friedensdichters zukünftiges Ostern, das sein Auge blühen sieht, und nach dem die Menschheit das Schwert nicht mehr kennen soll!"