Ein eigenartiges Gefühl, in einem Gebäude spazierenzugehen, das es nicht mehr gibt, dem man allein in seinen Photographien begegnen kann: denn es ist vor zweiunddreißig Jahren abgerissen, regelrecht beiseite geräumt worden – das Berliner Schloß. Man sieht es, schwarz auf weiß, aus dem Zeppelin, man betrachtet es von vom, von hinten, steht in seinen leergefegten Höfen, liest an den Fassaden Zeitalter ab, man schreitet durch viele Portale, sieht sich in den monumentalen Entrees um, steigt Treppen hinauf und ergibt sich den Fluren und der nicht endenden Flucht der Zimmer, Säle und Salons – niemand weiß ganz genau, ob es sieben- oder dreizehnhundert waren; im letzte Lageplan machte man 1210 Räume aus. Man bequemt sich beim Blättern, ohne es gleich zu merken, mit den Augen zu allerhand Arten des Gehens, Schreitens und Schlurfens, Wanderns und Wandeins und spürt daran auch fast leibhaftig die schmerzenden Füße und die erlahmende Neugier – ohne es zu wollen. Denn dieses voluminöse, ausführliche, seinem Gegenstand so seltsam nahe, beflissen schön gedruckte Buch imponiert nicht nur der Wißbegier; es zu lesen und zu betrachten weckt oft die blanke Neugier – vielleicht sogar deswegen, weil sein Gegenstand ins Ungegenständliche entrückt, aber der Erinnerung noch so präsent ist: "Das Berliner Schloß" (von Goerd Peschken und Hans-Werner Klünner; Propyläen Verlag, Berlin, 1982; 558 S., 439 Abb., 280,– DM). Aus Moskau dazu ermuntert, hatte es Walter Ulbricht, damals Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, 1950 beseitigen lassen. Der Wiederaufbau der Bomben- und Brandruine hätte kaum mehr als dreimal soviel wie der Abriß gekostet, nämlich 32 Millionen Mark.

Dort, wo es gestanden hat, steht heute der Palast der Republik. Eines der Schloßportale ist, wie merkwürdig auch in diesen ideologischen Verquickungen, dem Gebäude des DDR-Staatsrats vorgeblendet: einziges sichtbares Überbleibsel – sonst gibt es nur Bilder, viele Bilder. Da das Schloß eines der am gründlichsten photographierten Bauwerke seiner Zeit ist, lag es nahe, was dem Lektor Andreas Simonides eingefallen ist: daraus ein Bilderbuch zu machen. Es ist, nicht zuletzt, ein Lesebuch geworden, das über die Baugeschichte dieses preußischen Bauwerks unterrichtet, das heißt, über die Geschichte des preußischen Deutschlands. Das eine folgt aus dem anderen, das eine ist das andere. Wen zeitweilig die Kenntnis der Geschichte verläßt, kann hier immer auf Hilfe hoffen. Denn der Bauhistoriker Peschken wie seine kundigen Mitautoren Klünner, Keller und Eggeling referieren, nein: erzählen ganz ohne Hast und erlauben sich mitunter spaltenlange Zitate. Das ist eine wohltuende Art, dem an Daten überreichen Vortrag Lebendigkeit und Farbe zu geben.

Es kommt dem Sujet zustatten, daß das Buch drei Teile hat: die (illustrierte) Baugeschichte des Schlosses, darauf die fast dreihundert Phototafeln, drittens die Bildkommentare, die geduldig, aber auch merklich wissensfroh die Photos erläutern. Mag die Forschung dennoch weiter auf die endgültige wissenschaftliche Erörterung des Berliner Schlosses warten: Dieser Band jedenfalls ist (ebenso wie der vorangegangene über die "Potsdamer Baukunst" von Friedrich Mielke) einer für Leser, die an einer Schloßbesichtigung unüblicher Genauigkeit und Verve interessiert sind: an Aufstieg und Fall Preußens, das sich noch im Oberkastellan Digmann zeigte, als er 1918, um die Revolutionäre fernzuhalten, einen roten Stuhlüberzug an einen Schirm steckte, später eine rote Bettdecke am Balkon befestigte: die Fahne der Kapitulation.

Manfred Sack