Von Barbara Hochberg

Europa, so scheint es, hat zur Abwechslung die Vereinigten Staaten bis ins Mark getroffen", verkündete unlängst die britische Wissenschaftszeitung Nature. Und Science, das amerikanische Gegenstück zu dem angesehenen englischen Fachblatt, meldete Ende August "beträchtliche Verlegenheit auf dieser Seite des Atlantiks".

Den kleinen Triumph heimsten Mitarbeiter des Europäischen Laboratoriums für Molekularbiologie (EMBL) in Heidelberg ein. Während ihre Kollegen an den amerikanischen Nationalen Gesundheitsinstituten noch nachdachten, hatten sie am Neckar schon eine Bibliothek für Nukleotidsequenzen eingerichtet.

Das Konkurrenzgebaren der Molekularbiologen ist nur scheinbar rein akademischer Art. Denn Nukleotide sind die Bausteine der Erbsubstanz Desoxyribonukleinsäure, kurz DNA genannt. Und die Reihenfolge ihrer Anordnung – die Sequenz – speichert, den Buchstaben eines Satzes ähnlich, in allen Lebewesen die genetische Information. Seitdem Forscher in den letzten beiden Jahrzehnten gelernt haben, die molekulare Schrift der Gene zu lesen und auch den Schlüssel für die Übersetzung der DNA-Sprache in die Sprache der Eiweißmoleküle (Proteine) – also den genetischen Code – zu entziffern, schwillt der einst tröpfelnde Informationsfluß aus den Archiven des Lebens zur Springflut an.

Im Prinzip sind, die beiden molekularen Sprachen simpel: Die DNA-Schrift besteht aus vier Nukleotid-Buchstaben, von denen jeweils drei aneinandergereiht – einem Wort gleich – für eine Aminosäure kodieren; insgesamt zwanzig verschiedene Aminosäuren bilden das Alphabet der Eiweißsprache (Proteine sind die Bau- und Regulationssubstanzen aller Organismen). Die Nukleotid-Wörter für die Synthese eines bestimmten Proteins sind in Sätzen, eben den Genen, zusammengefaßt.

Mit ihrer Bibliothek für Nukleotidsequenzen wollen die Heidelberger Forscher die Informationsflut aus den Genen kanalisieren. Die Biodatensammlung ermöglicht es nun Wissenschaftlern in aller Welt, neu analysierte Sequenzen mit bereits bekannten zu vergleichen. So lassen sich bestimmte Regionen in der Erbsubstanz – sozusagen "Schlüsselwörter", die etwa als Startsignale für die DNA-Verdoppelung bei der Zellteilung dienen – sofort ausmachen. Darüber hinaus kann der Vergleich vieler Sequenzen mit Hilfe eines Computers die Enthüllung wichtiger, zuvor unbekannter Erbabschnitte ermöglichen oder gar Hinweise auf evolutionäre Verwandtschaftslinien zwischen verschiedenartigen Lebewesen geben.

Kein Wunder, daß der Heidelberger Nukleotidsequenz-Bibliothek – und ähnlichen inzwischen eingerichteten Institutionen – eine sehr wichtige Rolle innerhalb der Molekularbiologie zufällt, dieser im Zentrum einer Revolution des menschlichen Weltbildes stehenden Wissenschaft (siehe auch Literaturbeilage Seite 22). Die Sequenz-Sammelstelle rückt zugleich das zuvor nur Eingeweihten geläufige Europäische Laboratorium für Molekularbiologie etwas mehr ins Rampenlicht, in dem die Gentechnik als wohl schillerndster Zweig der "neuen Biologie" seit geraumer Zeit schon steht.