In einer Funkdiskussion beklagten unlängst Johannes Gross, Joachim Kaiser und François Bondy bitter die Unbildung heutiger Jugend. Dreißig Minuten lang kam keiner der Herren auf die Idee, eine Bildung, die sich mit der Barbarei bestens vertrug, also die jene, die ihrer inne wurden, nicht daran hinderte, Hitler zu wählen und zu dulden, daß Millionen Menschen ins Gas getrieben wurden, als Diskreditierte zu betrachten.

"Du weißt, wie sehr ich Plato geliebt habe – erst heute weiß ich, daß er log, denn die irdischen Dinge spiegeln keine Ideale wider, in ihnen verbirgt sich schwere, blutige Arbeit der Menschen. Wir, wir haben Pyramiden gebaut, wir brachen Marmor für Gotteshäuser, und wir zertrümmerten die Steine für die Straßen des Imperators, wir haben die Galeeren gerudert und die Pflüge geschleppt – während sie ihre geistvollen Dialoge und Dramen schrieben... Wir waren dreckig und starben. Sie waren die Ästheten und diskutierten." Dies schreibt einer an seine ehemalige Geliebte, die sein Brief aber nie erreichen wird, obwohl – nein, weil sie sich im selben Todeslager wie der Schreibende befindet. "Bei uns in Auschwitz" heißt die Erzählung, in der dieser Brief geschrieben wird, und sie ist nachzulesen in Tadeusz Borowskis gleichnamigen Erzählungsband, der 1963 zum erstenmal in deutscher Sprache erschien, aber – und das beleuchtet die Verdrängungsmechanismen in diesem Lande grell – erst jetzt als Taschenbuch vorliegt. Dabei handelt es sich nach der Meinung aller, die über Borowskis Buch geschrieben haben, um das einzige literarische Zeugnis, das überhaupt bestehen kann neben den Dokumenten über die Vernichtungslager, vor deren furchtbarer Faktizität ja jeder Versuch einer "ästhetischen Bewältigung" von Auschwitz selbst als barbarischer Akt erscheinen muß, weil er nämlich noch dem Grauenvollsten eine Art Genuß abpressen möchte.

Keine Frage, Adornos Verdikt, ein Gedicht nach Auschwitz sei Barbarei, besteht immer noch zu Recht, setzt man statt "nach" über Auschwitz. Wer, wie etwa Hochhuth in seinem "Stellvertreter", die Opfer zu Bühnenfiguren ausstaffiert und sie auf dem Weg zur Bühnen-Gaskammer Verse aufsagen läßt, die "satt vom Pathos und Plüsch bürgerlich-wilhelminischer Bildung" (Reinhard Baumgart) sind, mißachtet sie in Wahrheit, suggeriert er doch, ihr Leiden sei nachempfindbar, und lädt zu einer billigen Identifikation mit ihnen ein, die ihrem tatsächlichen Leiden Hohn spricht. Einzig das Opfer selbst, der überlebende Zeuge, hat das Recht über Auschwitz zu sprechen. Der Zeuge aber gibt zu erkennen, daß es nicht einmal den Opfern selbst gelang, sich noch miteinander zu identifizieren, sondern daß sie sich eher noch an ihren Mördern orientierten – die Psychoanalyse kennt für dieses Verhalten den Begriff "Identifikation mit dem Aggressor."

Borowski, der knapp zwanzigjährig nach Auschwitz deportiert wurde, erfuhr dort, wie relativ der Unterschied zwischen Henkern und Opfern wird, sobald erst eine bestimmte Grenze des Entsetzlichen überschritten und kein Entsetzen über das Entsetzliche mehr im einzelnen mobilisierbar ist. Der einzelne kann Mitgefühl oder Haß immer nur gegenüber anderen einzelnen empfinden, wo aber – wie in den nazistischen Vernichtungslagern – spätestens an der Selektionsrampe jede Individualität endgültig ausgelöscht wurde und Menschen zur bloßen Masse, zu einer Zahl für die Krematoriumsstatistik der Todesfabriken degradierten, erscheinen die Opfer so austauschbar wie ihre Mörder, die ja auch nichts als eine von fern gelenkte Masse sind. In Borowskis Erzählungen wirken die Opfer so unmenschlich wie ihre Vernichtung, zumal wenn aus der Perspektive der Kapos erzählt wird, die selbst gezwungen sind, zum Funktionieren der Vernichtungsmaschinerie beizutragen. Weil sie deswegen gewisse Vergünstigungen genießen (etwa den ankommenden Transporten alles Eß- und Trinkbare sowie Schmuck und Wäsche abnehmen dürfen) und diese auch tatsächlich genießen, muß ihr Verhalten, von heute aus betrachtet, wie die Apotheose des Zynismus aussehen; dabei sind sie – wären Differenzierungen in diesem Schreckensbereich überhaupt noch erlaubt –, gerade weil ihnen ein allerletzter Rest Individualität (und also auch Entscheidungsspielraum) gelassen wurde, eher noch tragischere Opfer als jene, welche von vornherein nur als Vernichtungsmasse fungieren.

"Herrliche Tage für uns: kein Appell, keine Pflichten. Das ganze Lager ist angetreten, und wir stehen am Fenster, halb hinausgelehnt, Zuschauer aus einer anderen Welt. Die Menschen lächeln uns zu, wir lächeln zurück, man nennt uns: ‚die Kollegen aus Birkenau‘, halb mitleidig, weil unser Schicksal so schäbig ist, halb beschämt, weil das der anderen so gnädig ist." Aus der Kapo-Perspektive erscheint das Schicksal der "anderen" deshalb "gnädig", weil diese bereits auf dem Weg zur Gaskammer sind, gleichzeitig jedoch bewirkt die eigene winzige Distanz zu den Krematorien und der kurze Aufschub des eigenen Endes, daß das KZ wie ein Idyll aufblüht, in dem man etwa "eine prächtige Aussicht auf die Straße draußen, in die Freiheit genießt oder sich kulturellen Aktivitäten hingibt. Jawohl, es existiert hier eine Bibliothek und ein Orchester ("Sie spielen die Ouvertüre zum ‚Tancred‘ und danach etwas von Berlioz ... so ein Orchester gibt es in ganz Warschau nicht"), es gibt Boxkämpfe und auch gebildete Diskussionen über deutsche Romantik – und es gibt einen Puff ("deswegen reißt sich jeder darum, nach Birkenau zu kommen, ins Frauen-KZ"). Lager-"Normalität", wie sie Borowskis Erzählungen fast genußvoll ausmalen, wird, als Kulisse für die Endlösung, fast unerträglicher als diese selbst, die immerhin wenigstens physische Erlösung bedeutet. Borowski, der die Endlösung überlebte, überlebte doch nicht, was ihr vorausging, eben die Lager-"Normalität"; 1951 schied er, gerade neunundzwanzigjährig, durch Freitod aus einem Leben, das nach Auschwitz diesen Namen nicht mehr zurückverdienen konnte.

Auschwitz wird gern eine Hölle genannt, in der dann die Täter zu Teufeln werden! Auch der Klappentext zu Borowskis Buch spricht gebildet gedankenlos vom "Inferno der Konzentrationslager", – als ob, wie bei Dante, in Auschwitz "Sünden" von "Schuldigen" gesühnt worden wären, die danach ein Purgatorio und Paradiso erwartete! Mit solch aus der Welt hinausweisenden Wörtern soll verdrängt werden, daß die Konzentrationslager Menschenwerk waren und nichts Unmenschliches, soll vertuscht werden, daß jene "Banalität des Bösen", die Hannah Arendt in Auschwitz triumphieren sah und für die Borowskis Erzählungen den unwiderlegbarsten Beweis liefern, immer noch aktiv ist und genährt wird von unserer furchtbaren Vergeßlichkeit.

Tadeusz Borowski: "Bei uns in Auschwitz", Erzählungen, aus dem Polnischen von Vera Cerny; Serie Piper 258, Piper Verlag, München, 1982; 286 S., 12,80 DM. Peter Hamm