Von Gerhard Seehase

Als die Zahlen auf der Anzeigetafel aufleuchten, richten die Schwimmexperten den Daumen nach oben: 44,10 Sekunden hat der Schwimmer gebraucht im Wettkampf über 100-Meter-Delphin – neuer Weltrekord! "Weißt du noch", sagt einer auf der Tribüne zu seinem Nachbarn, "wie William Paulus damals, im Jahre 1981, seinen Weltrekord über diese Strecke aufstellte und wir meinten, seine 53,81 Sekunden seien kaum noch zu unterbieten?" Sein Nachbar, grauhaarig wie er, nickt und sagt: "Wer konnte das voraussehen?"

Wir schreiben das Jahr 2000. Und noch immer machen die Leistungsexplosionen der Schwimmer im internationalen Sport Furore, obwohl schon in den siebziger und achtziger Jahren des gerade zu Ende gegangenen Jahrhunderts mancher Experte vermutet hatte, daß die Grenzen des absoluten Rekords nun bald erreicht seien. Doch nach wie vor werden die Rekorde gebrochen, und nirgendwo schneller als im Schwimmen.

Im Jahre 2000 steht der Weltrekord der Männer im 100-Meter-Brustschwimmen bei 55,10 Sekunden. Zum Vergleich: Im Jahre 1982 hatte der Amerikaner Steve Lundquist über diese Distanz einen damals vielbestaunten Weltrekord von 1:02,62 Minuten aufgestellt. Lundquist wäre hinter dem Weltrekordler des Jahres 2000 um zwölf Meter zurückgeblieben.

Auch bei den Frauen sind die Rekorde gepurzelt. Der Weltrekord über 800-Meter-Kraul nähert sich im Jahr 2000 der "Schallgrenze" von sieben Minuten. Er beträgt nun 7:08,01 Minuten. Man erinnert sich: Damals, im Jahr 1982, hatte in dieser Disziplin immer noch der Weltrekord der Australierin Tracy Wickham aus dem Jahr 1978 Bestand – 8:24,62 Minuten. Tracy Wickham würde von ihrer Rekord-Nachfolgerin im Jahr 2000 über 800 Meter um etwa 120 Meter abgehängt werden...

Eine phantastische Utopie, wissenschaftlich "hochgerechnet". Der Sprung im Zeitraffer über zwei Jahrzehnte in die sportliche Zukunft war Thema einer Prüfungsarbeit an der Universität München: die Entwicklung der Schwimm-Weltrekorde. Die Prognosen für die Rekord-Entwicklung bis zum Jahr 2000 "errechnete" der Verfasser Johannes Orthuber dabei aus den Gesetzmäßigkeiten der Leistungssteigerungen zwischen 1957 und 1977.

Der Physiologe Professor Reinhardt Rüdel erläuterte die Methode der von ihm betreuten Arbeit: "Trägt man die Geschwindigkeiten, mit denen in dem Zeitraum von 20 Jahren Schwimm-Weltrekorde gebrochen wurden, in einem Diagramm über den jeweiligen Rekorddaten auf, so erhält man Graphen, die mit sehr guter Näherung einen linearen Verlauf nehmen. Extrapoliert man die aus den bisherigen Rekordgeschwindigkeiten errechneten Regressionsgeraden in die Zukunft, ergeben sich Prognosen für die weitere Entwicklung der Rekordzeiten."