Von Winfried Scharlau

Batu Ampar heißt das Lager, 200 Kilometer von der Ostküste Borneos entfernt und tief im tropischen Urwald gelegen. Während des Fluges in einer kleinen, sechssitzigen "Islander" erscheint der Wald unter uns wie ein grüner Pelz, der die Erde umhüllt. Wir landen auf einer 600 Meter langen, lehmigen Rollbahn, an deren einem Ende eine hölzerne Remise steht, die als Hangar und als Empfangshalle zugleich dient. "In the middle of nowhere" wäre die zutreffende englische Ortsbeschreibung, für die es im Deutschen kein Äquivalent gibt.

Jack erwartet uns dort, der "Resident Manager" des Holzfällerlagers einer großen indonesischamerikanischen Gesellschaft. "Der Dschungel ist ein angenehmer Platz", sagt Jack zur Begrüßung. Drei Jahre lebt er schon in Batu Ampar; er macht kein Hehl daraus, daß er jeden Tag hier genießt. Das Lager war an der Biegung des Telen-Flusses errichtet worden, der in schier endlosen Mäandern den Urwald durchzieht und in den großen Mahakan fließt, der an der Provinzhauptstadt Samarinda vorbei der Ostküste und dem offenen Meer zustrebt.

Drei Tage brauchen die Fluß-Schiffer, um von Samarinda den Nachschub für 1700 Waldarbeiter und für den einzigen Weißen, Jack, den Manager, ins Lager Batu Ampar zu schaffen. Ein Generator liefert Strom rund um die Uhr. Klimaanlagen kühlen die Holzhäuser, sogar fließendes Wasser gibt es. Das Lager befriedigt zivilisatorische Grundbedürfnisse. Aber dies war gar nicht gemeint, als Jack auf dem Rollfeld wie beiläufig gesagt hatte: "The jungle is a nice place."

Morgens zwischen fünf und sechs Uhr, wenn Dämmerlicht die Dunkelheit verdrängt, geht den Besuchern des Lagers auf, was die Besonderheit des Ortes ausmacht. Die Temperatur wirkt gemäßigt, die Luft erfrischt, ist nachgerade kühl im Vergleich zur Tropenhitze in Singapur, die auch in der Nacht stickig bleibt. Tief im Urwald sind die Lebensverhältnisse dem Menschen zuträglicher als im Straßen-Dschungel asiatischer Großstädte. Der Wald mildert das Klima.

Der frühe Morgen in Batu Ampar lädt zur Reflektion darüber ein, ob die Begriffe "Dschungel" und "Urwald" aus Unkenntnis mit einer negativen Bedeutung besetzt worden sind. "Als die Sonne aufging", so beschreibt Joseph Conrad einmal den frühen Morgen im Urwald, "lag ein weißer Nebel über dem Wald, der sich später wie ein Rolladen hob. Wir taten einen Blick auf die himmelragenden Baummasten, auf den riesigen, verfilzten Dschungel und den glühenden Sonnenball darüber." Auch in dieser Beschreibung schwingt Unheimliches mit; und bedrohlich scheint das Grunderlebnis des Urwalds zu sein, solange er von außen betrachtet wird. Denn von außerhalb gesehen scheint der Urwald tatsächlich undurchdringlich zu sein. Er wuchert bis an den äußersten Rand des Flußufers, keine Lichtung, keine offene Stelle bietend, um die dicke Außenhaut zu durchdringen und einen Blick in das Innere zu werfen, "abweisend wie die geschlossene Tür eines Gefängnisses".

Die Außenansicht hat die negative Besetzung des Begriffes "Urwald" ganz wesentlich verursacht. Als "gottverlassene Wildnis" erscheint der tropische Regenwald allenthalben in der Literatur, als ein Filz, der die Erde überwuchert und so dicht, so undurchdringlich ist, als habe die Natur selber dadurch Eindringlinge fernhalten wollen. Jack, unser Gastgeber, hat uns auch den Innenraum des Urwalds gezeigt, der freilich verständlich macht, warum der Dschungel auch "a nice place" genannt werden kann.