Das Ich und das Es – Seite 1

Diese Arbeit von Sigmund Freud ist die letzte seiner großen theoretischen Abhandlungen. Sie erschien im April 1923. In "Das Ich und das Es" formuliert Freud sein zweites Modell der Psyche. Hier ersetzen Strukturen, Ich, Es und Über-Ich weitgehend die ältere topographische Einteilung der Psyche in Bewußtes, Vorbewußtes und Unbewußtes.

Damit wurde eine differenzierte Ich-Psychologie eingeleitet. Eine erste zu neuen Erkenntnissen führende Untersuchung über die Entstehung des Über-Ichs, der Abhängigkeit des Ichs vom Es und vom Über-Ich und seiner Überlebenstaktiken hatte stattgefunden.

Freud erkannte, daß das Ich nicht nur als Sitz des Bewußten angesehen werden kann, sondern daß auch vieles im Ich unbewußt ist oder wird. Wenn wir die Neurose wie bisher nur auf einen Konflikt zwischen dem Unbewußten und dem Bewußten zurückführen, geraten wir nach Freud in unendlich viele Undeutlichkeiten und Schwierigkeiten. "Wir müssen für diesen Gegensatz aus unserer Einsicht in die strukturellen Verhältnisse des Seelenlebens einen anderen einsetzen: den zwischen dem zusammenhängenden Ich und dem von ihm abgespaltenen Verdrängten." Auch das Unbewußte hat vieldeutige Qualitäten. Das sogenannte Vorbewußte ist zwar deskriptiv unbewußt, kann aber durch entsprechende Wortvorstellungen meist ohne größere Schwierigkeiten wieder bewußt werden. Das Unbewußte im dynamischen Sinne dagegen ist die Folge der Verdrängung, die so leicht nicht bewußt gemacht werden kann, da sie im Psychischen, eine von Freud genau beschriebene defensive Funktion innehat, zu "dessen Bewußtmachung es einer besonderen Arbeit bedarf".

Der Terminus "Es" wurde in dieser Arbeit erstmalig von Freud verwendet; er hat ihn von Georg Groddeck übernommen. Alles im Es ist unbewußt. Das Es ist "das große Reservoir" der Triebe. Der Terminus "Ich" dagegen ist alt. Freud benutzte ihn in seinen verschiedenen Schriften mit unterschiedlicher Bedeutung. In "Das Ich und das Es" ist der Begriff "Ich" als bestimmter Teil der Psyche gemeint, der nach innen durch seine besondere Wahrnehmungsfähigkeit der Gefühls-, Gedanken- und Phantasiewelt, nach außen durch seine Funktionen gekennzeichnet ist, wie die Realitätsprüfung, die Zensur, die synthetische Funktion etcetera. Selbstkritik und die Entwicklung von Schuldgefühlen sind Aufgaben, die im wesentlichen dem Bereich des Über-Ichs in Freuds neuer struktureller Theorie zugeschrieben werden, während die Verdrängung von kränkenden und angsterregenden inneren und äußeren Wahrnehmungen vom Ich ausgeht. Im Zusammenhang mit Narzißmus entsprach das "Ich" bei Freud in seiner bisherigen Verwendung eher dem, was sonst unter "Selbst" verstanden wird, mit dem der Mensch als Ganzes, einschließlich seines Körpers gemeint ist.

Im Laufe der seelischen Reifung eines Menschen lernt das Ich dem Es, das heißt seinen Trieben nicht mehr hilflos ausgesetzt zu sein. Gleichzeitig lernt es, die Gefahren aus der Außenwelt besser zu erkennen und zu meistern, wie sich in der Innenwelt gegen die Angriffe aus seinem Über-Ich zu wehren.

In früheren Arbeiten hatte Freud häufig den Terminus "Ichideal" verwendet, in "Das Ich und das Es" wird das "Über-Ich" mehr oder weniger zu dessen Nachfolger, obwohl sich in der Psychoanalyse bis heute der Terminus "Ichideal" erhalten hat und als Erbe des primären Narzißmus gilt. Das "Über-Ich" entsteht durch Identifizierung des Sohnes mit seinem Vater, der sich mit Hilfe dieser Identifizierung von seinem Ödipuskomplex, das heißt seiner vom Vater verbotenen sexuellen Liebe zur Mutter, zu lösen versucht und damit seine Kastrationsangst zu beschwichtigen trachtet. Wie ein Mädchen zu seinen das "Über-Ich" prägenden Identifikationen kommt, ist ein Kapitel für sich und findet in dieser Arbeit nur relativ oberflächliche Erwähnung. Bei ihr ist es die sie enttäuschende Entdeckung ihrer Penislosigkeit, die sie von der Mutter weg in den Ödipuskomplex treibt. Als Ersatz für ihren Penismangel wünscht sie sich ein Kind vom Vater. Aus Angst vor Liebesverlust – die Mutter könnte sich rächen – gibt sie diesen Wunsch auf, wenn auch nur langsam. In jedem Fall stellt das "Über-Ich" nach Freud eine Desexualisierung der libidinösen Beziehung zu den Eltern dar.

Eine solche Desexualisierng der Libido, die auch Sublimierung genannt wird, findet mit Hilfe des Ichs statt. Sie stellt einen komplizierten seelischen Arbeitsvorgang dar, denn nicht nur die Verbote der Eltern werden verinnerlicht, sondern auch die aufgegebenen Objektbesetzungen führen zu Identifizierungen mit dem verlorenen Objekt und prägen den Charakter des Ichs, das heißt der Knabe wird sich auch mit seiner Mutter, das Mädchen auch mit seinem Vater identifizieren, nachdem sie die sexuelle Liebe zu ihnen aufgeben mußten. An der Bildung des Über-Ichs ist last not least der von Freud sogenannte Todestrieb beteiligt, wie an jeder Desexualisierung und Sublimierung. Er ist die Ursache für die Härte und Destruktivität, die das Über-Ich oft beherrschen.

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"Da aber seine (des Ichs, d. A.) Sublimierungsarbeit eine Triebentmischung und Freiwerden der Aggressionstriebe im Über-Ich zur Folge hat, liefert es sich durch seinen Kampf gegen die Libido der Gefahr der Mißhandlung und des Todes aus. Wenn das Ich unter der Aggression des Über-Ichs leidet oder selbst erliegt, so ist sein Schicksal ein Gegenstück zu dem der Protisten, die an der Zersetzungsproduktion zugrunde gehen, die sie selbst geschaffen haben. Als solches Zersetzungsprodukt im ökonomischen Sinne scheint uns die im Über-Ich wirkende Moral." Identifikationen mit den Verboten und dem Über-Ich der Eltern bilden die Hauptinhalte des Über-Ichs der jeweilig nächsten Generation. Libidinöse Objektbesetzungen werden durch Identifizierungen abgelöst und tragen zur Bildung des Ichs bei. Das Über-Ich stellt eine Stufe im Ich dar, das die Triebwelt des Es bekämpft und gleichzeitig einen großen Teil seiner Kraft aus dem Es bezieht. Es läßt sich in seiner Entstehungsphase auch auf frühe orale Mechanismen der seelischen Einverleibung mitmenschlicher Objekte zurückführen.

Zusammenfassung

Um die Inhalte der psychischen Bereiche gegeneinander abzugrenzen, sie von Undeutlichkeiten zu befreien, werden in "Das Ich und das Es" Strukturen des "seelischen Apparates" aufgestellt. Eine Einteilung in Ich, Es und Über-Ich erfolgt. Die Wechselwirkung, dieser verschiedenen Strukturen der Psyche aufeinander, beispielsweise die Entstehung von bewußten und unbewußten Schuldgefühlen durch die Spannungen zwischen dem unerbittlichen Über-Ich und dem Ich, das sich ihm unterwirft, sowie deren Beziehung zu den beiden Trieben Libido und Aggression werden anschaulich beschrieben. Komplizierte innerpsychische Vorgänge, Konflikte und Verhaltensweisen können mit Hilfe dieser neuen Theorie in ihrer Entstehungsweise und ihrer Abhängigkeit voneinander neu verstanden und eingeordnet werden.

Margarete Mitscherlich