Von Caroline Neubaur

Und ich nahm das Büchlein von der Hand des Engels und verschlang es, und es war süße in meinem Munde wie Honig, und da ich es gegessen hatte, grimmete michs im Bauch.

Offenbarung des Joh., X, 10

Wenn wir Texte "auslegen" oder Gedanken "entwickeln", tun wir das nicht in der Meinung, alte Gebrauchsanweisungen für Kultschriftrollen zu memorieren. Und doch sind wir mit diesen Verben noch immer im Raum der "heiligen Texte": Die müssen zum Zweck des Wahrneits- und Gedächtnistransports herausgerollt und dann mehr oder weniger "verschlungen" werden. Der Logos, der für die christliche Tradition immer auch das "Buch" war, muß Fleisch werden. Süß schmeckt das Buch im Munde, weil es die "Wahrheit" bringt, und diese katastrophische Wahrheit verursacht dann offenbar Bauchgrimmen.

Der Philosoph Hans Blumenberg versucht seit Jahrzehnten, im Metapherngestöber stehend, Aufschlüsse über Ursache und Wirkung dieser Sprachniederschläge zu bekommen, indem er "Biographien" einiger dieser Metaphern schreibt.

Blumenberg mißtraut den Gesamtentwürfen und hat mit dem Verzicht auf Grundprinzipien im gleichen Maße, wenn auch weniger ausdrücklich das Erstgeburtsrecht der Philosophie gegenüber den anderen Wissenschaften preisgegeben wie Richard Rorty in seinem Buch "Der Spiegel der Natur" (Suhrkamp, 1981). Ein Philosoph nach dem "Ende der Philosophie", das auszurufen nicht sein Stil wäre, fröstelt wohl auch einmal – so läßt sich denken – in seiner philosophischen Haut, aber Blumenberg verschmäht es, uns über seine "Situation" Auskunft zu geben. Allenfalls wird man ihm eine gewisse Spielermentalität zugute halten dürfen; die geht davon aus, daß die verdammten Metaphern letztlich eine Art Eigenleben behaupten, da sie ohne einen unaufgeklärten Rest von bergeversetzendem Wunsch nicht traditionsbildend würden.

Eine Sache ist es, Fundgruben der Metapher im "Buch der Natur" aufzutun. Blumenbergs Vorläufer in diesem Feld, Ernst Robert Curtius, hat sie in seinem Buch "Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter" mit dem Kapitel "Schrift- und Buchmetaphorik in der Weltliteratur" angelegt. Allerdings findet Blumenberg, daß Curtius sein Material sehr eng geschnitten habe, "ganz auf das technische Bildfeld von Schrift und Buch sowie derenProduktion bezogen". Blumenbergs Kollege Erwin Rothacker schreibt boshaft über Curtius’ Metaphernkapitel: "Es ist, als sei die Arbeit für Jubiläum einer Druckerei oder einer Füllfederhalterfabrik geschrieben." Eine andere Sache es, vom Sammler und Jäger dieser Metal ihrem Historiographen zu werden, deines damit zu tun bekommt, daß die Metapher in ihren jeweiligen Kontexten ganz verschiedene Bedeutungen annimmt. Beispielsweise dürfte es nicht genügen, nur, weil jemand von "Code" und "Dechiffrieren" spricht, schon wieder die Metapher am Werk zu sehen. Blumenberg verfällt nun dem Sog seiner selbstgewählten Fragestellung nicht in dem Maße, daß ihm nur diejenigen Autoren zupaß kommen, die mit der Metapher etwas anfangen können; die anderen, Berkeley beispielsweise, aber auch Kant und Diderot, sind ihm durchaus ebenfalls sympathisch. Einige fallen, zum Glück, muß man sagen, wenn man an den Umfang des Buches denkt, auch einfach weg.