41 Jahre nach seinem Märtyrertod in Auschwitz wird der polnische Pater Maksymilian Kolbe in Rom heiliggesprochen

Von Hansjakob Stehle

Gloriolen aus Barock wie aus Kitsch blenden den Blick. Sie lassen oft schwer nur erkennen, daß katholische Heilige Menschen sind. Einem von ihnen, den die Kirche vor zwölf Jahren schon mit dem Titel des "Seligen" ausgestattet hat, wird am 10. Oktober in der römischen Petersbasilika der Papst feierlich die "Heiligkeit" bestätigen und ihn dem Kult aller Gläubigen freigeben. Der Papst erweist seinem Landsmann Maksymilian Kolbe diese Ehre, nachdem er mit oberhirtlicher Souveränität eine Vorbedingung des üblichen Kanonisierungsprozesses weggewischt hat: Auf beglaubigte "Wunder" wurde verzichtet. Der polnische Franziskanerpater hat 1941 in der Hölle des Konzentrationslagers Auschwitz etwas vollbracht, was Wunder genug ist. Hinter sich ließ er sogar den Realismus christlicher Moral, die immerhin die Eigenliebe zum Maßstab der Nächstenliebe erhebt.

Wer war dieser Mann, der sich freiwillig an Stelle eines anderen, eines verzweifelten Familienvaters, zu Tode martern ließ? Ein Ritter ohne Furcht und Tadel, für die Altäre bestimmt – und schon deshalb dem wirklichen Leben entrückt, also ungefährlich für die Welt des Hasses und des Egoismus? Oder war er ein eher zweifelhafter Kandidat, der mit ein paar kritisch-ironischen Andeutungen (wie sie unlängst in Enzensbergers Transatlantik-Zeitschrift zu lesen waren) neutralisiert und so dem intellektuellen wie dem frommen Hausgebrauch entzogen werden kann? Oder doch nur ein Mensch seiner Zeit und Umgebung, der am Ende ein Lichtsignal in dieses finstere "moderne" Säkulum setzte?

Außer Schuften und Beten gab es nichts in der Textilarbeiterfamilie, in der Kolbe 1894 geboren wurde; die Industriestadt Lodz im damals russischen Polen hatte im Fieber des frühkapitalistischen Booms in 25 Jahren ihre Einwohnerschaft – Polen, Juden, Deutsche – versechsfacht. Einen aufgeweckten Sohn wie Rajmund (so sein Taufname) aufs Klostergymnasium nach Lemberg (Lwow) schicken zu können, war für die Kolbes ein Glücksfall. Seine Zukunft war damit bestimmt: Der Sechzehnjährige trug schon die Kutte des Franziskanernovizen und den Ordensnamen Maksymilian. Die Misere, aus der er kam, ließ ihn nicht nur religiös nach himmlischer Herrlichkeit Ausschau halten, bald galt er bei seinen Mitschülern als etwas naiver Phantast, weil er sich – besonders begabt für Mathematik und Physik – mit scheinbar Unmöglichem beschäftigte. Seine Entwürfe für einen Fernschreiber, ein Tonbandgerät, ja ein Raketenfahrzeug zum Mondflug ("Aetneroplan") stießen auf milde Ironie seiner Ordensoberen, auch als sie ihn schon, ab 1912, in Rom Theologie und Philosophie studieren ließen.

Kommende Katastrophen

Diese Hauptstadt Italiens, wo der Papst (der den Kirchenstaat verloren hatte) als "Gefangener" im Vatikan lebte, der König Atheist war und Antiklerikalismus als Ausweis patriotischer Gesinnung galt, befremdete, ja erschreckte den jungen Politisch unbedarften Mönch aus der polnischen Provinz. Es waren die Jahre, in denen ein jüdischer Nationalliberaler, Ernesto Nathan, Bürgermeister der Ewigen Stadt und Großmeister der Freimaurer war. Kolbes Rektor im Ordenskolleg war von der Idee besessen, die Freimaurer seien an allen Übeln schuld: Er verwechselte sie sogar mit den Anarchisten, die eines Tages auf ihre schwarze Fahne den Teufel malten und auf dem Petersplatz demonstrierten. Es war das Jahr 1917: Der Papst versuchte zum Ärger Italiens durch eine Friedensvermittlung den Weltkrieg zu beenden, in Rußland war Revolution, man feierte das 400. Jubiläum der Reformation und das 200. der ersten Großloge, die Freimaurer Roms zogen zum Denkmal Giordano Brunos auf dem Campo dei Fiori, wo der "Ketzer" verbrannt worden war, und in Fatima hörten Hirtenkinder die Madonna kommende Katastrophen ankündigen ...