Von Michael Naura

Als der Ansager auf dem 7. New Jazzfestival Hamburg seinen Namen nennt, da schreit die Menge freudig auf. Kein Zweifel, der Bassist Eberhard Weber ist ein berühmter Mann. Auf der Bühne umfängt der Musiker aus dem Schwabenland mit dem Gesicht eines gealterten Botticelli-Engels sein Instrument. Das soll ein Baß sein? Man sucht vergeblich dieses warm glänzende, barock geschwungene Gebilde aus Holz, an dem sich die Bassisten fast wollüstig zu schaffen machen. Statt dessen erblickt man eine karge, selbst erdachte Konstruktion. Saiten überspannen ein Griffbrett, das in einen eisernen Stachel mündet. An Knöpfen wie bei einem alten Radio kann man den Ton beeinflussen. Er kommt aus einem Lautsprecher. Die Klänge, die dann das Ohr erreichen, sind unverwechselbar: Weich und schwebend scheinen sie aus weiter Ferne zu kommen, füllen plötzlich ganz den Raum und legen sich beruhigend auf die Seele. Eine Art Yoga-Musik. Wie Eberhard Weber klingt sonst kein Bassist auf der Welt. Diesen Hochsitz über allen Kollegen verdankt der 42jährige Musiker seiner Fähigkeit zur Reflexion seines Elends in früheren Jahren.

Er hatte Bassisten eines Sinfonieorchesters auf Reisen beobachtet. Er sah Orchesterwarte und Inspizienten wieseln, und er bemerkte, daß am Abend der Kollege E-Musiker ausgeruht und im gebürsteten Frack seinen Platz am Instrument einnahm. Dagegen war sein eigenes Tourneeleben mehr Schleppen als Spielen. Und wenn im Konzert das Vibrato seines gestrichenen Baßsolos besonders intensiv geriet, dann war es nicht selten der Tremor, der die Hände befällt, wenn man einen Tag lang Holz gehackt hat. Oder seine Baß-Geige durch halb Deutschland geschleppt hat.

Jetzt hat Eberhard Weber also seinen "Reisebaß". Ein häßliches Ding zwar, aus der Not geboren, aber handlich wie ein Kamm, wie einer aus Gold. Denn Eberhard Weber fiel damit auch eine neue Baß-Ästhetik in den Schoß, die ihn schnell zu einem der gesuchtesten Musiker weit und breit machte und ihn in ferne Länder zu bejubelten Konzerten führte.

Wer über so einen solitären Klangreichtum verfügt, der findet sich oft in Aufnahmestudios wieder. Etwa 1976 zusammen mit Peter Rühmkorf, dem klavierspielenden Autor dieses Artikels und dem Vibraphonisten Wolfgang Schlüter. Der "Freundschaftspakt zwischen Jazz und Kunstpoesie", von dem Rühmkorf schreibt, wird von Eberhard Weber spielerisch-genial erneuert. Mit klagenden, schleifenden Tönen, die ihm keiner nachmacht, beschwört er geradezu magisch die ersten Zeilen, die der Poet in "Undine" spricht: "Zieh’ sie an Land, die säuselnde Sirene, frag’ nicht, wer dich belügt. Ein Kopf voll Haar und ein Maul voll Zähne genügt...". Nach viel amerikanischer Jazz-Prominenz – Gary Burton, Pat Metheny und Ralph Towner – klopfen nun auch Popstars an seine Tür.

Diese erstaunliche Karriere begann in Stuttgart unter für einen Musiker eher düsteren Vorzeichen: im Alter von sieben Jahren hörte er seinen Vater, einen Musiklehrer, bei einem Gottesdienst laut und häßlich singen. Später war es Bill Haleys "Rock around the clock", der dem jungen Eberhard Weber zusetzte. Kein Problem, denn er sollte, obwohl ihm der Vater schon Cello-Unterricht erteilte, kein Musiker werden, sondern etwas Ordentliches "schaffe". Er wurde in eine Photo-Lehre gegeben, lernte Paß- und Hochzeitsbilder knipsen. Später arbeitete er einige Jahre in einer Werbefilm-Firma, war Cutter, Kamera-Assistent, schrieb Drehbücher und führte Regie.

Doch unter der bürgerlichen "Häusle-baue-Oberfläche" brodelte schon die Anarchie. Nachts beim Spiel in Kellern mit dem Pianisten Wolfgang Dauner – inzwischen hatte Weber vom Cello zum Baß gewechselt –, begannen die Metamorphosen des kreativen Musikers Eberhard Weber. Mitte der sechziger Jahre rüttelte er wie alle Musiker an den Gitterstäben der Musik. Er war dabei, als man Instrumente zertrümmerte und auf der Bühne die Kleider ablegte. Dann kamen lange Jahre des angepaßten Dienens und Verdienens. Als "Baßknecht" machte er Dutzende von Schallplatten-Aufnahmen, bis er eines Tages merkte, daß das Leben ja nicht die Summe von devoten Handreichungen für andere sein könne. Und so begann er in den Bands des Vibraphonisten Dave Pike und des Gitarristen Volker Kriege! eigene Ideen anzubieten. Zum Eklat kam es, als das, was er für eine Bereicherung hielt, von den anderen als Verweichlichung mißverstanden wurde.

Eberhard Weber gründete eine eigene Band, um den Geruchdes "Zerstörers" loszuwerden. "Colours" nannte er später dieses Quartett mit Charlie Mariano (Saxophon), Rainer Brünninghaus (Klavier) und Jon Christensen (Schlagzeug). Schon die erste Schallplatte mit dem Titel "Yellow Fields" von 1975 läßt seine Absichten klar erkennen. Es geht ihm um den Vorrang von ruhigen, pastellartigen Klangflächen, um Pausen, um das Vermeiden von instrumentaler Raserei zugunsten einer fast klösterlich wirkenden Zurückhaltung.

Die Freiheit, sich selbst zu spielen, eines der großartigen Essentials des Jazz, verabreichte Eberhard Weber seinen Musikern in abgestuften Dosierungen so geschickt, daß sie zwar ihre Identität nicht verloren, aber immer mehr zu improvisierenden Interpreten ihres Meisters aus Stuttgart wurden. Seine Konzeption geriet in ein seltsames Schummerlicht zwischen Jazz und E-Musik, in ein irritierendes Niemandsland, in dem die Selbstschüsse lauern. Bei der Münchner Schallplattengesellschaft ECM mit ihrem spiritus rector Manfred Eicher fand Weber seine geistige Heimat. Eichers Vorliebe für die Adagios von Mahler korre-Perspektive vortrefflich mit der musikalischen Perspektive von Eberhard Weber. Hier konnte er mit Streichern und unterschiedlichen Studiobesetzungen unbeschwert experimentieren.

Das Publikum reagierte auf Webers sensible Gemischtwarenhandlung von Anfang an mit großer Zustimmung. Es war und ist bis heute eine sehr komplexe Zuhörerschaft geblieben. Da sind jene, denen die Ekstasen des modernen Jazz zu anstrengend sind, da sind die "Müslis", die zu ihrer fleischlosen Kost eine musikalische Entsprechung suchen, und da sind einige aus dem Lager der sinfonischen Musik, die sich an der Emotionalität von Jazzkonzerten wärmen möchten, jene Angsthasen, die den Biß von Charlie Parker fürchten und sich auch bei Strawinskys "Sacre du Printemps" ängstlich in die Parkettfurchen ducken.

Im Gegensatz zu dieser friedlichen Gemeinde fragen sich jene, denen die Verlobungsversuche von Jazz und Philharmonie immer ein Graus waren, ob die Musiker von "Colours" denn noch Blut in den Adern hätten. Wo einem in diesen Tagen große Teile der Trivialmusik wie rhythmische Klopfzeichen aus einem Irrenhaus vorkommen, kann Eberhard Weber mit seiner Musik in der Tat wie nicht von dieser Welt klingen. Doch die eigene Unfähigkeit zur Geduld, die uns alle peinigt, sollte nicht die Elle sein, an dem Webers Musik gemessen werden kann. Motorik ist in der Musik längst nicht alles, und daß "Colours" nichts für grobschlächtige Naturen ist, gibt keinem das Recht, ein Wort von Alfred Brendel im Munde zu führen: "Ein Ohnmachtsanfall des Spielers wäre eine willkommene Abwechslung."

Nach sieben Jahren, die fette Jahre waren, hat Eberhard Weber das Ensemble "Colours" aufgelöst. Er, der anfangs der Kontrolle durch andere Musiker entgehen wollte und deshalb eine eigene Band gründete, ihm glitten schließlich selbst die Fäden aus der Hand. Seltsam, in seinen Partituren schrieb er immer weniger für Baß, überließ den anderen die ersten Stimmen, bis er sich in seiner siebenten Langspielplatte wie einst in der Rolle des "Baßknechts" wiederfand. Eine märchenhafte Geschichte von der Unentrinnbarkeit.

Doch Eberhard Weber mag die Musiker wechseln wie seine Hemden, er kann seinem Gehirn nicht entkommen. Und so ist seine in diesem Jahr aufgenommene Platte "Later that Evening" mit Paul McCandless (Saxophon und Oboe), Lyle Mays (Klavier), Bill Frisell (Gitarre) und Michael di Pasqua (Schlagzeug) eine konsequente Fortsetzung der vergangenen sieben Jahre. Seine Musik scheint noch mehr auf den Punkt völliger Ruhe, himmlischen Friedens, fast auf Stillstand zuzutreiben, Musik von äußerster Transzendenz.

Eberhard Weber lebt in der Nähe des Wörthsees bei München. Und auf die Frage, ob er für die Ewigkeit schreibe, an seiner Unsterblichkeit arbeite, antwortet er: "Meine Kompositionen sind nicht Sprungbrett in die Selbstdarstellung. Sie sollen deshalb von Musikern gespielt werden, die ähnlich empfinden und somit ihre Interpretationen zur Belebung und Bereicherung meiner Ideen einsetzen. Die Hemdsärmeligkeit, mit der Gruppen traditionsgemäß zusammengestellt werden, sollte heutzutage – nach meinem europäischen Musikverständnis – allenfalls für ‚Augenblicksmusik‘ Berechtigung haben." Schallplatten von Eberhard Weber: "Later That Evening", ECM 1231. – "Little Movements", ECM 1186. – "Fluid Rustle", ECM 1137. – "Silent Feet", ECM 1107.