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Hoechst-Beteiligung: Kuwait baut sein Öl-Imperium aus

Von Wolfgang Gehrmann

Die Entgegnung war ebenso knapp wie mehrdeutig. Zu des Reporters schmeichelhaftem Vorschlag, die Kuwait Petroleum Corporation künftig die "Achte Schwester" zu nennen, fiel deren general manager Abdul Razzak Mulla Hussein nur dies ein: "Ich bin ein Bruder."

Womöglich mochte das nur des Orientalen anerzogene Geringschätzung der Weiblichkeit meinen. Doch es konnte auch heißen, daß der Achte im Bunde sich für viel stärker hielt als die übrigen sieben. Die sieben anderen, die "Sieben Schwestern" eben, das sind die multinationalen Ölkonzerne, die – noch – das weltweite Geschäft mit dem Petroleum beherrschen: Exxon, Mobil, Texaco, Gulf, Standard Oil of California, Shell und BP.

Doch während die seven sisters des Ölgeschäfts die Zeit ihres Aufstiegs hinter sich haben, gewinnt die Nummer acht, der Nachkömmling, zur Zeit erst wahre Größe. Kuwaits Ölkonzern schickt sich an, weltweit die Herrschaft über das Petroleumgeschäft zu erringen. Reich an Petrodollars, eignet die Company des Scheichs Jabir al-Ahmad al-Sabah sich Unternehmensbeteiligungen an, die ihr zur globalen Vormacht im Ölgeschäft nützlich sein sollen. Ihr jüngster Coup wurde jetzt offenbar: Kuwait hat rund ein Viertel des zweitgrößten Chemiekonzerns der Welt gekauft, der Hoechst AG in Frankfurt.

Der deal des Jahres kam in Raten heraus. Schon im Frühjahr hatten die Spatzen vom Dach der Frankfurter Börse gepfiffen, daß die Ölherren nach Hoechst gegriffen hatten. Doch noch Anfang Juni, auf der Hauptversammlung, gab Hoechst-Boß Rolf Sammet sich ignorant. Näheres, so beschied er seine Aktionäre, könne er zu den Gerüchten leider nicht sagen.

Doch wissen mußte Sammet da schon, daß von Ferne die Kuwaitis in eben jener Hauptversammlung mächtig mitmischen. Der Commerzbank – sie hatte da längst für ihre Auftraggeber aus dem Morgenland die Beinahe-Schachtel von 25 Prozent des Hoechst-Aktienkapitals zusammen – hatten die Ölherren befohlen, ihr Depotstimmrecht nicht voll wahrzunehmen. Publizität wollte der Scheich da noch nicht.

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Erst einmal sollten die Hoechst-Bosse – im Vertrauen – Näheres erfahren. Am 30. August wurden deshalb Hoechst-Chef Rolf Sammet und sein Vorstandskollege Günter Metz im Londoner Dorchester-Hotel vorgelassen bei Kuwaits Ölminister Ali Khalifa al-Sabah – einem von etlichen Söhnen des Scheichs.

Der Orientale hatte Neuigkeiten für die deutschen Spitzenmanager. Kuwait, so offenbarte der Prinz, wolle bei Hoechst keineswegs nur stiller Aktionär sein und Dividende kassieren. Kuwait will von Hoechst Vasallendienste.

So kannte man die Potentaten vom Persischen Golf bislang nicht. Immer schon mal hatten die durch steigende Ölpreise zu plötzlichem Reichtum gelangten Morgenland-Fürsten hierzulande Industriebeteiligungen gekauft – vor allem die Kuwaitis, aber auch der Iran zu Zeiten des Schah-Regimes.

So sorgten die Perser für Furore, als sie im Jahre des Ölpreisbooms 1974 für 270 Millionen Mark 25,04 Prozent der Fried. Krupp Hüttenwerke AG erwarben. Zwei Jahre später blätterte der Schah für ein gutes Viertel der Krupp Obergesellschaft Fried. Krupp GmbH sogar 875 Millionen Mark hin. Zwischendurch hatte der Iran für 178,3 Millionen Mark eine Schachtelbeteiligung an der Deutschen Babcock & Wilcox AG in Oberhausen gekauft.

Dreimal griffen nachweislich auch die Kuwaitis zu, und immer achteten sie auf Qualität:

  • Letztes Jahr und ein Jahr davor gaben sie rund 300 Millionen Mark für zwanzig Prozent der Frankfurter Metallgesellschaft. Zum Konzern gehört die Lurgi Anlagenbau, die versiert ist in der Konstruktion von Ölraffinerien.
  • Schon 1975 beteiligten sie sich mit dreißig Prozent an der einzigen interessanten deutschen Stahlgruppe, an den Hütten des badischen Industriellen Willy Korf.
  • Ein Jahr zuvor gar hatten sie für eine Milliarde Mark vierzehn Prozent des gewinnstärksten deutschen Unternehmens erworben, der Daimler-Benz AG in Stuttgart.

Doch bis dato hatten all diese Investments der Ölherren nur einen Sinn: den Segen der Petrodollars sicher zu plazieren und vom deutschen Fleiß still zu profitieren ohne sich einzumischen.

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Bei Daimler-Benz zum Beispiel verzichten die Kuwaitis bis heute darauf, ihren Platz im Aufsichtsrat einzunehmen. Das Mandat hält stellvertretend die Dresdner Bank. Bei Krupp finden sich zu den Sitzungen des Kontrollorgans der iranische Botschafter und der Präsident der iranischen Notenbank zwar regelmäßig ein, doch von Einflußnahme aufs Geschäft sehen sie ab. Bei der Metallgesellschaft ist Abdulmalic N. Al Gharabally vom kuwaitischen Finanzministerium zwar ein regelmäßiger, doch wortkarger Gast.

In Hoechst nun kann das in jeder Hinsicht anders werden. Auf satte Dividenden dürfen die Kuwaitis dort nicht hoffen. Gerade erst mußte Vorstandschef Rolf Sammet den Aktionären offenbar ren, daß die Ausschüttung für dieses Jahr wegen flauer Geschäfte gekürzt wird. Doch darauf kommt’s den Ölpotentaten jetzt auch nicht an. Hoechst ist für sie allein wertvoll als strategischer Stützpunkt zur Eroberung der globalen Olherrschaft.

Mit stillem Amüsement müssen die Kuwaitis deshalb aufnehmen, daß Rolf Sammet dem schlichten Glauben anhängt, der Ölstaat habe in Hoechst einen versierten industriellen Partner für die Erschließung seiner Rohstoffquellen gesucht. Der Vorstandsvorsitzende: "Kuwait möchte seine Stärke bei Rohstoffen mit dem Know-how von Hoechst in der Chemie und mit unseren Vertriebsmöglichkeiten kombinieren."

Doch an des Chemieriesen vermeintlichen Know-how kann Kuwait kein Interesse haben. Längst gehören zu dem Wirtschaftsimperium des Scheichs Ölingenieurfirmen, die weitaus mehr Wissen haben als der betuliche Chemiemulti vom Main. Und schon gar nicht denken die Manager des Golfstaates daran, ihr Beteiligungsunternehmen Hoechst mit der billigen Lieferung von petrochemischen Produkten zu päppeln.

Interesse hat Kuwait allein daran, sich des eingefahrenen weltweiten Hoechster Vertriebssystems für Petrochemieprodukte zu bemächtigen. Der Vertrieb von Hoechst paßt Kuwait in sein Konzept, die sieben Ölschwestern durch ein eigenes, globales System der Erschließung und des Vertriebs von Rohöl, Ölderivaten und chemischen Grundstoffen zu übertrumpfen.

Weltweit gekauft

Beim Aufbau ihres Ölimperiums sind die Kuwaitis in allen Ecken der Welt zügig zur Sache gegangen:

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  • Parallel zum Erwerb der Hoechst-Beteiligung hat die Kuwait Petroleum Corporation ein joint venture mit der Pacific Resources Inc. (PRI) in Honolulu abgeschlossen. PRI soll den kuwaitischen Absatz von Petroprodukten im Pazifikraum sichern.
  • Ende vergangenen Jahres hat Ölminister Ali Khalifa al-Sabah, er ist zugleich Chairman der Kuwait Petroleum Corporation, für zweieinhalb Milliarden Dollar das kalifornische Unternehmen Santa Fe International gekauft, Santa Fe bohrt weltweit nach Gas und Öl, auch in der Nordsee. Zu Santa Fe gehört die Engineering-Firma Braun, die zur Weltelite der Raffinerie-Bauer zählt.
  • Früher schon hatte Kuwait mit dem amerikanischen Unternehmen AZL Resources begonnen, in den USA nach Gas und Öl zu suchen.
  • In der Schweiz beteiligte sich die Kuwait Petroleum Corporation an der International Energy Development Corporation, die Ölkonzessionen in Oman, Zaire, Tansania, Sudan, der Türkei, Australien und Angola hat.
  • Schließlich bauen die Kuwaitis zu Hause ihre Ölraffinerien aus und errichten gewaltige Anlagen für petrochemische Stoffe. Mitte der achtziger Jahre sollen die mit japanischer und amerikanischer Hilfe erweiterten Raffinerien Mena al-Akmadi und Mena al-Abdullah die Produktion aufnehmen. Kuwait kann dann täglich 750 000 Barrel Öl raffinieren, die Hälfte seiner Rohölförderung. Für den Export sind davon 650 000 Barrel täglich bestimmt.

In aller Stille

Doch am Weltmarkt für Öl und Petroerzeugnisse herrscht derzeit Flaute. Konnten die Scheiche Mitte der siebziger Jahre den um ihr Öl bettelnden Industrieländern die Preise diktieren, so sitzen jetzt die sparsamen Abnehmerländer am längeren Hebel. Die Ölstaaten müssen zusehen, daß sie den Absatz ihrer Produkte sichern. Mit ihren sinkenden Öleinnahmen – Kuwait wird im laufenden Finanzjahr zehn Milliarden Petrodollar einnehmen, fast die Hälft weniger als letztes Jahr erwartet – kaufen sie deshalb Vertriebssysteme – wie das von Hoechst.

Die Scheiche gehen dabei in aller Stille vor. Publizität scheuen sie, weil sie die Vorwürfe ihrer arabischen Brüder fürchten, sie knauserten mit Geld für die Sache der Palästinenser und trügen statt dessen ihren Mammon in den Westen. Den Kauf des Hoechst-Pakets zettelten die Kuwaitis höchst behutsam an.

Statt sich der Hoechst-Hausbank, der Dresdner Bank, zu bedienen, die sich auf ihre Mittelost-Kontakte gern etwas zugute hält, schaltete der Scheich die weniger auffällige Commerzbank ein. Deren Auslandschef, Friedhelm Jost, ließ sich für die delikate Order reichlich Zeit. Mit Hilfe etlicher kleinerer und größerer Kreditinstitute kaufte er nach und nach über die Börse das stattliche Paket zusammen. Wie feinfühlig Jost vorging, zeigt die Tatsache, daß der Kurs der Hoechst-Aktie in der ganzen Zeit keineswegs durch massive Nachfrage hochgetrieben wurde. Im Gegenteil: Die Kuwaitis bekamen Hoechst zu historischen Tiefstkursen. Für das knappe Viertel der 2,35 Milliarden Mark Grundkapital mußten sie 1,4 Milliarden Mark überweisen.

Daß die Scheiche bei derart günstigen Konditionen sich nicht gleich mehr als ein Viertel von Hoechst einverleibten, kann nur mit ihrer Scheu vor dem Berliner Kartellamt erklärt werden, dem ein Schachtelerwerb annonciert werden muß. Hoechst-Chef Sammet rechnet deshalb auch künftig auf die Zurückhaltung der neuen Anteilseigner: "Ich habe den Eindruck, daß es unter 25 Prozent bleibt." Etwas leiser fügt er hinzu: "Aber das ist keine Garantie."