Von Petra Kipphoff

Es war einmal ein junger Mann, der ging an der Küste über dem Öresund spazieren. Aber anstatt hier, nur wenige Kilometer entfernt von Helsingör und Hamlets Schloß Kronborg, in Träume zu versinken, aus deren Nebeln Shakespeares wunderbare Gabe an die Dänen hätte auftauchen können, hatte er eigene Träume: Er sprang auf einmal über einen morschen Zaun in einen verwunschenen Garten, duckte sich unter tiefhängenden Ästen, ging auf überwucherten Wegen und an verwilderten Beeten und zerfallenden Gewächshäusern vorbei auf eine alte, verlassene Villa zu und wußte: Das ist es!

Das war es, und das ist es. Knud Jensen, der ein Träumer ist und ein Realist dazu, gelang es nach Überwindung Unendlicher Schwierigkeiten, das Haus und Grundstück zu erwerben. Und das wiederum war der Anfang von Louisiana, dem Museum, das die kleine Gemeinde Humlebaek im Norden von Kopenhagen seit Anfang der sechziger Jahre immer mehr zu einem der wichtigen Punkte der internationalen Ausstellungsgeographie hat werden lassen. Aber wichtig ist es auch anderswo, und gute Ausstellungen oder eine interessante Sammlung zeitgenössischer Kunst sieht man auch in Köln oder Paris oder New York. Was Louisiana ganz unvergleichlich macht, sind zwei Dinge: die Lage zwischen Büschen und Bäumen hoch über dem Blau (oder Grün oder Grau) des Öresund; und sein Direktor Knud Jensen, der, gäbe es eine entsprechende Umfrage unter seinen Kollegen, Künstlern und Kritikern, zur Freude und Zufriedenheit aller zum geliebtesten Museumsdirektor auf Lebenszeit ernannt werden würde. Das ist, in der durch Freunderl-Wirtschaften erodierten Kunst-Welt, schon ein Wunder an sich.

Die weiße Villa, 1855 erbaut und von ihrem ersten Besitzer, der mit drei Frauen namens Louise verheiratet war, aus gutem Grund Louisiana genannt, ist auch heute noch Zentrum und Eingang des Museums im Grünen. Aber nachdem Jensen 1958 mit dem alten Haus und einem Anbau von drei durch verglaste Korridore verbundenen Pavillons den Museumsstart geschafft hatte, und nachdem er 1966 und 1977 dann einen Raum für Wechselausstellungen und einen Musiksaal angebaut hatte, konnte er jetzt mit einem neuen Südflügel, der die Museumsfläche von 5000 auf 8500 Quadratmeter erweitert, eine Zweiteröffnung feiern, die in Wahrheit eine Ersteröffnung ist. Dabei ist das Erstaunliche, daß man einerseits die Entstehung von Louisiana auch heute noch bei einem Gang durch die Räume und das Gelände verfolgen kann, und daß andererseits die ganze Anlage ein Wurf und wie aus einem Guß ist.

In der alten Villa fängt man, auf Parkettboden und mit einem weißen Kachelofen im Hintergrund, mit dänischen Varianten des Expressionismus und der Cezanne-Nachfolge an, mit hausgemachten kubistischen Bildern, deren Maler nicht über die Landesgrenze hinausgedrungen sind. Aber Knud Jensen, der in Lausanne über "Die Einflüsse der primitiven Kunst auf die Moderne" promoviert hatte, dann ein erfolgreicher Käse-Exporteur wurde und zugleich Inhaber des renommierten Gyldendal-Verlags, bevor er sich dann für die bildende Kunst interessierte und Louisiana kaufte, hatte zunächst auch nicht viel mehr im Sinn, als der dänischen zeitgenössischen Kunst, die er in den existierenden Museen vernachlässigt sah, einen Platz zu geben.

Ein Besuch auf der documenta II, 1959, und die Freundschaft mit Arnold Bode, machten dann einen anderen Sammler aus ihm und veränderten Louisiana. Aus den dänischen Anfängen der Villa und dem ersten Kabinett des Nordflügels, der sich als halbes Hufeisen in den Park bis hin zur Küste erstreckt, kommt man in einen verglasten Korridor und erblickt auf der einen Seite drei Fabeltiere von Max Ernst, die froh und höhnisch aus dem Grünen hereingucken, sieht auf der gegenüberliegenden Seite zwischen Rasen, Sträuchern und gewaltigen Bäumen Skulpturen von Arp, Laurens und Moore. Man geht weiter, ist drinnen und draußen zugleich, und endet bei einem im Flur beginnenden und in zwei Räume hinein sich steigernden Hommage an Giacometti, wie ihn auch Zürich, der Hort der Giacometti-Stiftung, nicht zuwege bringt. Der abgesenkte Raum, in dem Giacomettis "Femme debout", der "Homme qui marche" und der "Grand tête" einen stummen Dialog miteinander führen und dessen Fensterwand den Blick auf einen von Bäumen umstellten Teich freigibt: das ist ein Raum, mit dem man leben möchte.

Es ist mehr als ein Trick, aber eine schöne List von Knud Jensen, wenn man in diesem Museumsflügel nach einheimisch dänischen Anfängen und Steigerungen in die internationale Kunstszene hinein schließlich wieder mit dänischer Kunst endet, die sich ihrerseits dann in den sechziger Jahren erfolgreich in die zeitgenössische Kunst eingemischt hat: auf einen großen Raum mit den wilden Farbgesten und den Fabeltierbildern von Asger Jörn und Carl Henning Pedersen, den beiden dänischen COBRA-Mitgliedern, folgen Räume mit Appel Und Alechinsky, den COBRA-Freunden aus Holland und Belgien, dazwischen sind die in Trolle verwandelten Steine von Henry Heerup und die großen Bronzen von Willy Örskov plaziert, beides wiederum eher dänische Spezialitäten. Und genau nach diesem dänischen Solo endet der erste Halbrundgang mit einem Höhepunkt, der alles Nachdenken über die Kunst, ob dänisch oder nicht, nur beflügeln oder sanft versickern lassen kann: Man kommt in die Cafeteria, hat den vollen Blick auf den Öresund, drüben liegt Schweden, draußen auf der Terrasse stehen zwei schwarze Stabiles und ein buntes Mobile von Calder – oder sind es vielleicht zwei Fossile aus dem Meer und ein Seezeichen?