ARD und ZDF, Freitag, 1. Oktober: Abstimmung über Konstruktives Mißtrauen und Bundeskanzlerwahl

Der 1. Oktober 1982: Der Jubel war verhalten, die Beklommenheit unübersehbar, der Ekel beherrschend. Ekel über große Worte, mit deren Hilfe kleine Lügen kaschiert werden sollten. Gewissen, historisch, gemeinsam: das mit den Tatsachen haperte – die sprachen ohnehin für sich –, mußten die Phrasen herhalten. O schwere Stunde! O inständiges Ringen! Macchiavellis Erben bemühten, weil sie sonst nichts zu beißen hatten, die hehre Moral. Der Wechsel als Inkarnation von Sitte und Anstand! Umfall als Ausdruck von Verantwortung! Das Schweißtuch geschwenkt: Mein Gott, haben wir alle gerungen! (Und dann die Stimmen gezählt: O. K., Jungs, das wäre geschafft.)

Respekt vor Herrn Genscher. Respekt vor Herrn Wehner. Respekt vor der Gewissensentscheidung: der Wille zur Macht – wir haben’s beobachtet am Bildschirm – drapierte sich philosophisch. Man meinte Nietzsche und zitierte Kant. Und dabei, wie rasch entlarvt, die ideologische Drumherumrederei! Entlarvt durch jene Reden, in denen die Sachen nicht die zweckmäßige, sondern die wahre Bezeichnung fanden – die Rede Willy Brandts, in der mit Brechtscher Prägnanz die Verhöhnung der Wähler dargestellt wurde (klang es nicht wirklich so, in den Tagen zuvor, als strebe Genscher die Abwahl des Volks an?); die Rede Gerhart Baums ("Wir brauchen nichts zu versprechen; wenn wir aber etwas versprechen, dann müssen wir es auch halten"); die Rede Hildegard Hamm-Brüchers, in deren Verlauf sich die mangelnde moralische Integrität des behenden Wechselspiels auf den Begriff gebracht sah.

Und kaum war das geschehen, da sprang die Katze auch schon aus dem Sack und – Sekunde der Wahrheit, vor dem Bildschirm erlebt! – die großen Worte zerfielen zu Staub. Ein Anschlag auf die Verfassung sei es nach seinem Verständnis gewesen, rief Heiner Geißler, was die Frau Kollegin da gerade gesagt habe.

Ein bemerkenswerter Moment – nicht nur für mich, denke ich. Plötzlich war es heraus, wurde ausgeplaudert vor Millionen von Betrachtern und stand, die kommende Regierungserklärung schwarz und wahr überschattend, als Drohung im Raum: Von Moral darf geredet werden, je mehr, desto besser; doch wenn jemand sie einklagen und in politische Praxis ummünzen möchte, dann ist das ein Anschlag auf unsere Verfassung! Moral, wurde deutlich, wird von oben herab dekretiert. Kein Wunder also, daß ein Vertreter der Grünen (wie der Fernsehzuschauer während der Berichterstattung über die Hessen-Wahl erfuhr) das Landtagsgebäude nicht betreten darf, weil er einst, um der Erreichung humanitärer Ziele willen, einen Piloten mit der Spielzeugpistole bedrohte. Kein Wunder ebenfalls, daß, dank der Moralzuweisung von seiten der Herrschaft, ein Politiker, der zuerst zu vier Monaten Gefängnis verurteilt und hernach wegen verminderter geistiger Zurechnungsfähigkeit freigesprochen wurde, Minister werden kann – Herr der Polizei und der Schwüre auf die Verfassung.

Irgend etwas, könnte da einer denken, der die Ereignisse am Bildschirm verfolgte, die von Hessen und die von Bonn, irgend etwas scheint nicht zu stimmen in unserem Land. Und dabei ging es doch so bewegend zu, so hochmoralisch, diese Woche, wo im Bundestag gerungen wurde wie selten zuvor. Gerungen mit sich, gerungen nach Fassung, gerungen tief im Gewissen. Nur nach Worten brauchten sie nicht zu ringen, die flinken Wechsler und ihre künftigen Partner.

Die Phrasen lagen längst parat: fixiert unter der Rubrik "Vom Nutzen und Nachteil der Moral in schwerer Stunde".

Momos