Von Fritz J. Raddatz

Als das ZEIT-FeuilIeton – unterstützt durch die Juroren Rudolf Walter Leonhardt, Hans Mayer, Peter Wapnewski und Dieter E. Zimmer – zur Buchmesse 1978 seine "ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher" vorzustellen begann, wußte keiner der Beteiligten, auf was genau er sich da einließ; angekündigt hatten wir unsere Unternehmung als eine Mischung aus literarischem Spiel und pädagogischem Ernst. Geahnt hatte keiner, daß von einer "Gegenliste" im römischen Espresso bis zu einem Ergänzungsvorschlag im englischen Observer unsere Idee aufgegriffen, variiert und – wie könnte es anders sein – attackiert würde; noch weniger, daß das Suhrkamp-; Taschenbuch, das schließlich daraus entstand, viele Monate lang auf der Spiegel-Bestsellerliste stehen würde (es liegt jetzt in der vierten Auflage mit 150 000 Exemplaren vor). Im Vorspruch hieß es damals:

"Man hat uns das Lesen nicht beigebracht’ – diesen Satz in vielerlei Varianten kann jeder hören, der mit jüngeren Menschen zu tun hat; ob in der Schule oder an der Universität, Literaturstudenten geben ohne Umschweife zu, noch nie einen Roman ‚ganz‘ gelesen zu haben. Photokopierte Exzerpte der Sekundärliteratur haben das Buch verdrängt, der Genuß des Lesens ist der informatorischen Lektüre gewichen. Wallraff über Bild wird verschlungen, aber das ,Paper‘ eines Germanistikstudenten im fünften Semester heißt ‚Nathan der Waise’. Die jüngste und bisher umfassendste Studie zum Leseverhalten nennt auch prompt Nachschlagewerke an erster Stelle: 46 Prozent der Bevölkerung machen von ihnen Gebrauch. Dann folgen Kochbücher, berufsbezogene Fachbücher, Schulbücher, Gesundheitsratgeber, Bastelbücher und so fort. Schöne Literatur erscheint zum erstenmal aufPlatz 10: Krimis. Aber moderne Literatur, möglicherweise mit einigem literarischem Anspruch, erreicht auf Platz 19 nur noch 11 Prozent der Bevölkerung. Lyrik und klassische Literatur, auf den Plätzen 31 und 32, nur je 6 Prozent.

Lesen aber als die große Wanderung durch das Unwirkliche, gerade in unserer Zeit der optischen Inflation, ist die Chance zur Besinnung, zur Selbstbegegnung. Wer sich dem Sog fremder Phantasie nie ausgesetzt hat, kann sehr schwer, eigene entwickeln; kann Bedrohungen und Zwängen der wirklichen Welt kaum Aktivität entgegensetzen, nicht einmal Toleranz. Denn wer Muße nicht kennengelernt hat, bleibt ohne Initiative. Der Mensch, der nicht träumt, wird wahnsinnig. Eine Gesellschaft, die den Traum wegfiltert, ist anfällig dem Wahn. ‚Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer‘, heißt eines der eindrucksvollsten von Goyas Capriccios. Intellektueller Trägheit entspricht schnell moralische Leere. Sie ist auffüllbar – zum Beispiel mit politischem Chaos."

Nicht zuletzt diese Überlegung führte zu einer neuen: Warum nicht versuchen, der damals ausschließlich belletristische Titel zusammenfassenden Liste eine andere, eine der Sachbücher entgegenzusetzen? So stellt das ZEIT-Feuilleton nach vier Jahren zu dieser Buchmesse eine neue Büchersammlung vor: die "ZEIT-Bibliothek der 100 Sachbücher"; beraten dieses Mal von Ralf Dahrendorf, Nobelpreisträger Manfred Eigen, Theodor Eschenburg, Wolf Lepenies, Golo Mann, Alexander Mitscherlich, Thomas von Randow und Uta Ranke-Heinemann. Schon der Titel bietet sich dem Streit an, hat viele – zu viele? – Facetten: Was ist ein "Sachbuch"? Da es dafür so viele Definitionen wie Einsprüche gegen sie gibt, könnte man auf den berühmten Satz ausweichen "All books are nonfiction – except autobiography" – alle Bücher sind Sachbücher – nur Autobiographien nicht. Doch da auch dieses neue Projekt nicht nur das spielerische Element aufgreift, sondern sich als ernste Bemühung um Tradition versteht, kann es beim Aperçu nicht bleiben.

Tradition. Damit ist das Wort benutzt, das die Idee zu unserer Unternehmung wie die Debatten beim Realisieren bestimmte: Gibt es in unserem Begreifen von Geschichte eine Tradition, die nicht nur versunkenes Gedankengut bewahrt in Vitrinen, Museen und Bibliotheken? Gibt es im Verhalten der Menschen zueinander Hergebrachtes, das sie – wenn schon nicht als verbindlich, dann doch – als gemeinsame Orientierung begreifen? Gibt es in der Fühlweise der Zeitgenossen einen – nein: nicht Codex; aber – Besinnungseffekt auf das bisher von der Menschheit geleistete? Wirkt all das weiter, in die Gegenwart hinein?

Der Begriff Kanon ist belastet und denunziert als Beinhaus der Unverbindlichkeit, Schatzkämmerlein für Zitatensüchtige, gar rohrstockbewehrtes Erziehungsmuster – das dann doch nur Auschwitz oder Hiroshima produzierte. Wenn wir diesen geschmähten Begriff Kanon dennoch benutzen, dann meinen wir ihn von der Verdächtigung gereinigt: Möglichkeit, die Erfahrung der Menschen – ob im Hochmut der Philosophie, in der Demut der Religion, im Gedankenspiel der Utopie oder im skeptischen Vermessen der Natur durch ihre Wissenschaftler – zusammenzufassen.