Das erste Photo, das ich sah, war vor allem schwarz. Ganz rechts, am Rand des großen Dunkels, konnte man aber doch etwas erkennen – da saß, vor einer stacheligen Zimmerpflanze, ein offenbar unheilbar betrübter Mensch und schaute aus dem schwarzen Bild heraus. Thomas Bernhard, Schriftsteller, ein Photo des Münchner Photographen Joseph Gallus Rittenberg. Ein komisches Bild, wie man so sagt, doch nur auf den allerersten, schnellsten Blick. Erst lachte ich, dann hatte mich die Melancholie der Szene angesteckt. Das Photo erschien in der ZEIT, zu einem Interview André Müllers mit Thomas Bernhard. Titel: "Der Wald ist groß, die Finsternis auch."

Rittenberg ist kein unbekannter Photograph. Er hat den (auch zweifelhaften) Ruhm des Sonderlings. Vor allem der eine, immer wiederkehrende, hundertfach variierte Kunstgriff hat seinen Bildern in der Sintflut der Bilder Aufmerksamkeit verschafft: Rittenberg stellt die Photographierten nicht, wie es sich gehört, feierlich in den Mittelpunkt des Bildes, sondern meist ganz an dessen Rand. Der photographierte Mensch ist nicht der Held und nicht einmal der Hauptdarsteller des Bildes, nicht Täter, sondern Opfer: wie verloren in riesenhaften Räumen, wie erschlagen von sinnlos-lächerlichen Gegenständen, wie erdrückt von schwarzer Nacht. Wo die gewöhnliche Photographie den Menschen ständig zu vergrößern, zu heroisieren versucht, da bringt Rittenberg ihn auf seine tatsächliche Größe zurück.

Bei einem Konzert hat Rittenberg die Sängerin Joan Baez Photographien: ein kleiner Lichtpunkt nur, im Winkel eines tiefen, schwarzen Raumes. Den Generalintendanten August Everding hat Rittenberg im Münchner Nationaltheater aufgenommen, im leeren Zuschauerraum, im hohen Treppenhaus. Der Theaterherrscher: ein winziger, furchtsamer Mensch, ausgesetzt in den palastartigen, verließartigen Prunkräumen seines Theaters – ein Bild der Verlassenheit inmitten von Macht und Pracht.

Optische Witze sind solche Bilder nur für den allzu witzigen Betrachter; tatsächlich sind sie Gleichnisse für das Leben und das Lebensgefühl des Photographen. Der Raum, die Gegenstände und das Licht: sie sind auf Rittenbergs Photos nicht die Bühnenbilder, die Dekoration, durch die sich der Schauspieler Mensch bewegt. Der Raum, die Gegenstände und das Licht haben von den Bildern Besitz ergriffen. Ein bißchen feierlich gesagt: Der Mensch ist auf diesen Photos an den Rand des Universums geraten, vielleicht auch schon verlorengegangen im Welt-Rotenbergs Städtebilder sind vor allem Himmelsbilder: die Häuser schwarze Silhouetten am unteren Bildrand – sie scheinen zu kippen, aus dem Bild zu fallen. Über ihnen ein unendlich bedrohlicher Himmel, leerer Raum, von ein paar Drähten, einem Kondensstreifen durchzogen.

Ein Bild vom Münchner Oktoberfest: das Riesenrad und die Achterbahn winzige, zerbrechliche Spielzeuge unter schwarzen, fahl beleuchteten Wolkentürmen, einem Weltuntergangshimmel. Rittenberg hat das Photo im September 1980, wenige Tage vor dem Oktoberfest-Attentat, aufgenommen. Auf dem Bild, sagt er, sehe man schon, was passieren wird.

Ein Bild vom Münchner Theaterfest: Hunderte von Menschen, auf einer Wiese sitzend, im Hintergrund ein Zirkuszelt, über der Landschaft der Strahlenkranz der Sonne. Etwas Drohendes liegt selbst über dieser Idylle – als warteten die vielen hundert auf die Ankunft eines Raumschiffs, auf das Erscheinen eines Kometen, auf noch unbekanntes Unheil. Und die Sonne, vor dunklem Himmel, sieht einem Atomblitz ähnlicher als einem guten Stern.

Joseph Gallus Rittenberg wurde 1948 im österreichischen Linz geboren. Als Kind hat er die Puppen seiner Schwestern im Garten vergraben, hat er ganze Städte aus Papier gebaut und sie anschließend feierlich verbrannt. Er hat dann später eine Malerlehre abgeschlossen, hat am Salzburger Mozarteum und in München Bühnenbild studiert, hat an der Münchner Filmhochschule gelernt oder auch nichts gelernt. Seine Versuche jedenfalls, einen ordentlichen künstlerischen Lebenslauf zu begründen, sind allesamt gescheitert – an seinem "monomanen Absolutismus und destruktiven Tendenzen", wie er selber in einem "Lebenslauf" schreibt.