Von Rüdiger Siebert

Stummen Wächtern gleich steht das Dutzend Windmühlen auf dem Bergkamm, dessen Höhe beidseits den Blick über die Insel Astypalaea hinab zum Meer freigibt. Nur an einem der gedrungenen weißen Türme strecken sich noch die hölzernen Finger eines Riesenrades den Lüften entgegen, aber deren Energie verfliegt hier oben schon lange ungenutzt. "Vor 20 Jahren", so erzählt uns Manolis, "da knarrten die mit Stoffbahnen bespannten Flügel noch im Winde." Vorbei. Längst haben Dieselmotore sie lahmgelegt. So verrotten die Mühlen wie vieles andere auch aus einer vergangenen Zeit auf Astypalaea.

Wir sitzen vor einem der Kafenions an dem Sträßchen, das entlang der Türme führt und dann steil ansteigt durch das Gassengewirr der Oberstadt. Es endet im Kastro, dessen braunverwitterte Ruinenmauern über die weißgetünchten Würfelhäuser ragen. Die Festung ist das Wahrzeichen der Insel, die wie ein ausgebreiteter Schmetterling in der östlichen Ägäis liegt, ein wenig verloren und im Abseits zwischen Kykladen und Dodekanes. Fünf Stunden tuckert das Fährschiff von Amorges herüber; zweieinhalb Stunden braucht es weiter nach Kalymnos. Einmal in der Woche.

Das Kastro ist von weitem zu sehen. Die kubischen Umrisse seiner Gemäuer sind seit Jahrhunderten ein Teil der Insel; und während der Sommermonate, wenn das Eiland unter sengender Sonne ausgedörrt ist, dann gehen auch die Farben von Festung und Erde ineinander über. Das Bollwerk ist seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr bewohnt; gegenwärtig wird es restauriert, eher zaghaft, weil die Gelder knapp sind, aber immerhin. Die Häuser, die sich eng um das Kastro ducken, schutzsuchend, wo brüchige Mauern längst keine Sicherheit mehr bieten, bilden den alten wohnlichen Kern der Insel. Am Fuße des Festungsfelsens, wo sich die Hafenmole ins Meer streckt und die Schiffe anlegen, ist die neue Stadt entstanden. Kaum der Fähre entstiegen, steht der Gast bereits vor dem ersten Hotel, nach ein paar Minuten zu Fuß trifft er auf die zwei, drei anderen Herbergen und Pensionen. Bescheiden sind sie allesamt, wer touristischen Luxus sucht, sollte gar nicht erst nach Astypalaea kommen. Vom Rummel der Großveranstalter bleibt die Insel verschont; sie hat nichts für verführerische Kataloge zu bieten. Ein Eiland für Einzelgänger:

Schon im Altertum soll auf der Höhe von Astypalaea eine befestigte Akropolis gestanden haben. Im Mittelalter waren es die Venezianer, die sich hier einen Stützpunkt jener Macht im Archipel der Ägäis bauten, um die sich Perser, Römer, Türken, Italiener immer wieder gestritten haben. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kam diese Insel endgültig zum Staat Griechenland. Zuvor hatten die Italiener das Sagen und dafür gesorgt, von der Inselbevölkerung im eigenen Idiom verstanden zu werden. Davon erzählt uns Manolis, der pensionierte Straßenbauarbeiter; er tut’s auf italienisch, in der Jugend gelernt, im Alter unvergessen. Der von allen Wettern gegerbte Mann, dem Luis Trenker wie aus dem alpingefurchten Gesicht geschnitten, trägt am Ärmel die schwarze Schleife des Witwers. Seine Frau sei Tochter eines Schäfers gewesen, berichtet er beim Ouzo. Erinnerung an fruchtbare Zeiten der Insel, als sie von mehreren tausend Menschen bevölkert war und nicht nur von 1400 wie heutzutage.

Bei stundenlangen Wanderungen auf steinigen Ziegenpfaden hatten wir bereits darüber nachgedacht. Selten waren uns Leute begegnet. Immer wieder passierten wir verlassene Häuser, denen der ewige Wind die Wände zerzaust. Inselflucht, eine Variante der Landflucht. Die Siedlungen, einsam und verstreut auf den Inselflügeln und an einigen Buchten, wirken wie ausgestorben. Da trifft man auf ältere Frauen, ein paar Kinder, jüngere Frauen. Die meisten Männer sind entweder als Fischer draußen auf See oder arbeiten auf benachbarten Inseln oder im fernen Athen.

Von den Wäldern früherer Epochen, von der Fruchtbarkeit, die einst der Insel zum Ruhm gereichte, ist wenig geblieben. Die gartengrüne Ebene um Livadia, ein erfrischender Spaziergang von der Höhe des Kastros aus, läßt vergangene Vegetation erahnen. Die kunstvoll bewässerten Obstpflanzungen, die Beete und Bäume, bilden eine Oase, wohlhabend und ertragreich zwischen der Küste und den kargen Weiden der Hänge und den steinigen Höhen gelegen. Bei Livadia breitet sich ein kleiner Badestrand aus; auch dort gibt es einfache Herbergen und an Sonntagen ein bißchen Touristenbetrieb im Schatten der Bäume. Ansonsten ist außerhalb der Stadt für Fremde wenig organisiert. Wer ins Wasser springen will, der kann das an vielen Küstenstellen tun; steinig und felsig sind die meisten, sandig aber nur wenige.